Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 1. Jahr (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (März 1914)
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 332 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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naiv ist, daß er nicht einmal weiß, daß er in dem Falle, wenn er die preßgesetzliche Verantwortung für solches Zeug übernimmt, auch die moralische Verantwortung hat, dann steht der Mann nach meiner Anschauung auf einem so tiefen, niedrigen moralischen Empfinden, daß mit ihm überhaupt nicht zu rechten ist; und wenn dieser Mann sich auch noch herausnimmt, in einer Versammlung am Montag in München seine Ideen in aller Öffentlichkeit vertreten zu wollen, und wenn er diejenigen Ideen vertritt, die tatsächlich im ,Anfang* vertreten werden, dann weiß ich überhaupt nicht mehr, was in Bayern noch verboten ist." Montag, den 9. Februar, fand die mit Aufregung erwartete große Münchener Versammlung statt. Lange vor Beginn war der große Tonhallensaal gefüllt. Das ganze intellektuelle München war erschienen. Wohl an 1500 Teilnehmer. Nur die Mittelschüler — durch den Ministerialerlaß und Posten stehende Lehrer abgeschreckt — hielten sich ferne; einige wenige hatten auf der Galerie Platz gefunden. Die Versammlung eröffnete Knud Ahlborn vom Arbeitsausschusse des Freideutschen Jugendtages, der vom Abg. Schlittenbauer, vom bayrischen Schulmanne und der Zentrumspresse ebenfalls auf das heftigste angegriffen worden war. Ahlborn wies auf die Bedeutung des Abends hin und bat, um Gottes willen doch ruhiges Blut zu bewahren und die Versammlung würdig durchzuführen. * Hauptredner war der Heidelberger Nationalökonom und Universitätsprofessor Alfred Weber. Er sprach warm und gedankenvoll, das zum großen Teile noch spröde Publikum mitreißend. Die heutige Angelegenheit sei keine bayrische und keine deutsche, sondern eine generell-weltliche Angelegenheit. Die Jugend wünsche nicht mehr als bedeutungsloses Anhängsel der Erwachsenen mitgeschleppt zu werden. Der „Wandervogel" war das erste Aufleuchten dieses neuen Geistes; Romantik der Empörung allerdings, Flucht in die Wälder. Er ersehnte jene Freiheit, die der Mittelschuljugend vorenthalten, die den Abiturienten und jungen Hochschülern aber zugebilligt worden war, weil man sie für ungefährlich hielt; die sich auch tatsächlich nur zur „Narrenfreiheit" der Studenten entwickelt habe. Aber die Wirksamkeit des „Wandervogels" war nur ein erster Akt, ein Bruch mit den Erwachsenen, mit der Kultur, mit der Großstadt. Er stand rückwärtsgewandten Antlitzes da: Vagantentum, Burgenromantik, Volkslied war seine Domäne. Weiter ging schon die Freideutsche Jugend, die sich im Oktober 1913 auf dem Hohen Meißner bei Kassel vereinigte. Keine Flucht mehr aus der Gegenwart, ein bewußtes Hineinstellen der