Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 1. Jahr (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (Februar 1914)
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 303 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2709933-3186105-3186116--417-3186464- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
geben: Fragt euch jedesmal, bevor ihr zur Lüge, d. h. zur Waffe, greift, erstens ob euer Ziel solche Wichtigkeit hat, daß es nicht sittlich vorzuziehen wäre, sich zu überwinden und sich dem Wunsche der Eltern und Lehrer zu fügen, und zweitens, ob ihr wirklich zur Waffe des Schwächeren greifen müßt und nicht vielleicht stark genug seid, auch mit der Waffe des Gleichstarken — dem offenen Trotz, der Gehorsamsverweigerung — euer Ziel zu erreichen. Aber selbst wenn letzteres möglich ist, ist noch nicht in allen Fällen damit entschieden, daß dieser Weg auch der sittlich höherstehende wäre. Es kann z. B. sittlicher sein, seine alte fromme Mutter aus Mitleid in Irrtum über den eigenen Unglauben zu lassen, als ihr durch offenes Bekenntnis desselben einen vielleicht namenlosen Schmerz und religiöse Sorge zuzufügen. Ich resümiere: Solange es Interessengegensätze irgendwelcher Art und Unterschiede der Machtstellung bei der Verfolgung der Interessen auf Erden gibt, wird die Lüge für den schwächeren Teil in vielen Fällen schlechterdings eine praktische Notwendigkeit sein. Sie ist aber nicht nur ein notwendiges Übel, sondern oft genug auch eine sittliche Handlung, weil sie guten Zwecken dient und immer und überall noch der Zweck die Mittel heiligt. Die Lüge kann gemißbraucht werden, wie alles im Leben. Aber nicht lügen können ist ein Manko, nie lügen wollen eine Verbohrtheit, wie wenn jemand etwa aus „Vaterlandsliebe" das Erlernen fremder Sprachen ablehnen wollte. Diese Tatsachen darf man der Jugend nicht vorenthalten. Im Gegenteil: man übernimmt eine schwere Verantwortung, wenn man der für Ideale leicht empfänglichen Jugend autoritativ die Wahrheit als absolutes, stets seiner selbst willen zu erstrebendes sittliches Postulat, die Lüge als ein grundsätzliches Laster, als einen Ausfluß der Feigheit einimpft. Man halte sich vor Augen, daß man die Jugend damit einer Waffe beraubt bzw. zur Führung dieser Waffe untüchtig macht, die sie in der späteren Praxis des Lebens unbedingt braucht, wenn sie sich behaupten und durchsetzen will, und daß demnach ,,die Jugend zur Wahrhaftigkeil: erziehen" nicht mehr und nicht weniger bedeutet, als eine zum Kampf ums Dasein untüchtigere Jugend züchten. Waith er Borght* 303