Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 1. Jahr (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (Februar 1914)
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 301 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Wenn der Arzt dem Schwerkranken gegenüber, der. Angeklagte dem Staatsanwalt gegenüber usw.' nicht die Waffe der rettenden Lüge in Händen hätte. Es wäre nicht nur allenthalben der schwächere Teil dem stärkeren brutal auf Gnade und Ungnade preisgegeben, sondern es würde unverzüglich eine Wirtschaftskrise ausbrechen, wie die Menschheit sie noch nicht gesehen hat; es würde ein Weltkrieg aller Staaten gegeneinander unvermeidlich werden; es würde das ganze gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen vernichtet werden. (Auch bei den „konventionellen Lügen" handelt es sich doch wahrhaftig nicht immer nur um die Verleugnung einem unangenehmen Besuch gegenüber und ähnliche Lappalien, sondern um den gesamten Komplex der sozialen Beziehungen. Wenn ich z. B. einem — vielleicht über viel Geld oder wertvolle Beziehungen verfügenden — Mann, mit dem ich zu wertvollen gemeinnützigen Zwecken zusammen arbeite, auf seine Frage „wahr" antworten muß, daß ich auf diese oder jene Anregung deshalb nicht eingehe, weil ich ihn für einen Dummkopf halte und darum verhindern will, daß er zuviel Einfluß in der Angelegenheit erhält, so mache ich mein künftiges Zusammenarbeiten mit ihm unmöglich und füge einer guten Sache zwecklos schweren Schaden zu.) Also ziehen wir das Fazit: Die Lüge ist eine Waffe im Lebenskampf. Sie ist daher gerade so gut oder schlecht, so berechtigt oder unberechtigt wie jede andere Waffe, insbesondere wie diejenige Waffe, gegen die sie sich prinzipiell richtet: die Gewalt. So wenig man einen Revolver als unmoralischen Apparat oder Arsenik als unmoralischen Stoff bezeichnen kann, so wenig hat man das Recht, die Lüge, d. h. die von mir in einem anderen Menschen absichtlich hervorgerufene Täuschung über Dinge der Außenwelt, an sich als etwas Unsittliches zu bezeichnen, ihre Anwendung zu brandmarken. Es kommt ganz und gar darauf an, unter welchen Umständen, aus welchen Motiven und zu welchen Zw ecken von ihr Gebrauch gemacht wird. Wohl kann man diese allgemeine Erklärung der Lüge als ein Adiaphoron einschränken auf ihre Anwendung gegenüber dem Feinde; Täuschung des Freundes ist selbstverständlich verwerflich, soweit sie nicht etwa zu seinem Besten oder aus Scherz erfolgt. Mein Feind aber ist jeder, der — sei es ständig in seinem sozialen 301