Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 1. Jahr (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (Februar 1914)
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 299 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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eine autoritative und suggestive Persönlichkeit ist, anpaßt und nur nachträglich das dunkle Empfinden hat, nicht ganz aufrichtig1 gewesen zu sein. Doch das beiseite. Ich will vor allem einmal die Vorfrage aufwerfen: Ist die Wahrheit denn überhaupt eine Tugend, die Lüge ein Laster? Diese Gegenfrage scheint auf den ersten Blick geradezu blasphemisch zu sein. Und doch möchte ich bitten, sie einmal recht sorgfältig zu prüfen. Allerdings ist der absolute sittliche Wert der Wahrheit in allen Ländern und Völkern (wennschon mit einigen Ausnahmen)*) dermaßen eindringlich gepredigt worden, daß er uns heute als Axiom erscheint. Aber er wurde gepredigt stets von denjenigen, die ein sehr intensives Interesse daran hatten, nicht belogen zu werden, weil darauf ihre ganze Machtstellung und die aus dieser sprießenden Vorteile und Vorrechte beruhten: von den Priestern, den Eltern, den Lehrern, den Staatsfunktionären. Und weiter: Die Praxis hat von jeher und überall dieser sittlichen Forderung schroff genug ins Gesicht geschlagen. Man hat für diese Zuwiderhandlungen den schönen Verlegenheitsausdruck der „Notlüge" geschaffen, deren sittliche Berechtigung, ja Notwendigkeit selbst von den rigorosesten Veristen zugegeben wird. (Es mag in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, daß in der Bibel selbst die frömmsten Personen die „Notlüge" keineswegs verschmähen: Rahel gegen ihren Vater, Jakob gegen seinen Vater, Jesaias gegen den König, Michal gegen die Feinde Davids, Mose gegen Pharao, Loth gegen die Sodomiter usw. Auch ist in der ganzen Bibel meines Wissens eigentlich an keiner Stelle die Lüge an sich als sittliches Vergehen gebrandmarkt, wenn man nicht das Wort Jesu: „Eure Rede sei ja, ja, nein, nein!" falsch dahin auslegt**).) Aber was ist denn nun eine „Notlüge"? Jedenfalls doch nicht nur eine Lüge aus „Notwehr" oder „Notstand" im Sinne des Strafgesetzbuches: „zur Rettung aus einer gegenwärtigen *) Odysseus! **) Er sagt lediglich: Das alte Gebot verbietet, falsch zu schwören. Ich verbiete euch überhaupt zu schwören; begnügt euch mit bloßem ja und nein. — Das 8. (eigentlich 9.) Gebot aber verbietet bekanntlich nur falsches Zeugnis vor Gericht. 299