Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 1. Jahr (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (Februar 1914)
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 298 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Für die Konflikte, denen dadurch der einzelne sich ausgesetzt sieht, gibt es zum Teil doch Abhilfen. Die ganze in Rede stehende Schwierigkeit besteht nicht oder entfernt nicht in gleicher Schärfe auf protestantischem wie auf katholischem Boden. Besonders wo die Bevölkerung konfessionell gemischt ist, muß schon der Protestantismus sein Prinzip der Gewissensfreiheit hochhalten, und es wird im ganzen faktisch anerkannt. Es wird daher, wenn das Verbleiben auf der gegebenen Anstalt dem einzelnen Schüler der religiösen Konflikte halber nicht mehr erträglich scheint, im allgemeinen die Möglichkeit bestehen, auf eine andere Anstalt überzutreten, wo der Zustand erträglich ist. Doch sollte ein solcher Ausweg v<jn dem einzelnen nicht eher ins Auge gefaßt werden, als alles versucht ist, eine Besserung des allgemeinen Zustands durch entschlossenes gemeinsames Vorgehen zu erreichen. Professor Natorp Im Dezemberheft des „Anfang" wird die Frage zur Erörterung gestellt, ob man das sittliche Gebot der rücksichtslosen Wahrhaftigkeit auch den von Schule und Elternhaus Abhängigen bereits zur Pflicht machen solle. Diese Frage ist nach meiner Ansicht falsch gestellt und läßt sich .gar nicht einfach mit ja oder nein beantworten. Zunächst sei wenigstens im Vorübergehen an die alte Pilatusfrage erinnert: „Was ist Wahrheit?" So klar, wie es auf den ersten Blick scheint, ist dies keineswegs zu sagen. Man kann nicht nur Lügen sprechen, man kann auch Lügen schweigen. Man kann ferner formell volle Wahrheit sagen und doch durch Blick und Gesichtsausdruck, durch Mienen und Gesten, ja durch den bloßen Tonfall, durch die Wahl des Ausdrucks, in dem anderen Teile eine irrige Meinung erwecken oder wenigstens — mit stiller Hoffnung — die Möglichkeit einer gefärbten Auffassung begünstigen. Das Wort ist ja doch nur ein Teil des Verhaltens, durch das wir uns mit unseren Mitmenschen verständigen. Und selbst wenn man wirklich jenem das zum Ausdruck bringt, wras man selbst empfindet und denkt, wie leicht wirkt doch — gerade in schwachen Charakteren — eine Art Autosuggestion dahin, daß man sein Denken und -Empfinden wenigstens graduell dem des andern Teils, besonders wenn er 298