Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 1. Jahr (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (Januar 1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 277 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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wird uns unmöglich gemacht durch das erinnerende Aufwärmungssystem, das heute herrscht. Gewiß, es gibt Dinge, deren Gegenwart nur aus ihrer Vergangenheit erklärt und verstanden werden können; die Physik beispielsweise. Jede Wissenschaft wohl überhaupt, aber das ist Beruf. Und von Beruf soll hier nicht die Rede sein, sondern von dem, was unserem Geist außerhalb des Berufslebens alltäglich geboten wird. Und da erfahren wir vom Leben des Tages den lokalen Teil, Unglücksfälle und Mordtaten, den Handel und allenfalls die Politik. Ein Dichter ringt mit einer neuen Idee, ein Maler findet eine neue Ausdrucksmöglichkeit, ein Arzt erprobt eine neue Heilmethode, ein Schulmann führt eine Reform durch; auch das erfahren wir gewiß, aber wenn diese vier neuen Dinge nicht gleichbedeutend mit völligen Umwälzungen sind, dann lesen wir darüber hinweg, verweigern unsere Anteilnahme, wollen die weitere Entwicklung nicht kennen und wenden uns wieder der Vergangenheit zu. Wir wollen fertige Reife und wundern und ärgern uns, daß wir so wenig davon zu sehen bekommen; wir würden weit mehr erreichen, wenn wir nicht aus angeborener und anerzogener Trägheit dem Entstehenden unsere Hilfe versagten. Wir wissen nur die Tatsachen. Freilich mögen diese Tatsachen bunt und herrlich sein, — und in der grandiosen Unlogik der Historie liegt ein eigener Reiz —, aber die Tatsachen der Gegenwart sind ebenso bunt und ebenso herrlich und schrecklich. Wir wollen doch die Gelegenheit und das Glück ausnutzen, die einzige Zeit, die wir in ihrem Werden und Wirken begreifen können, unsere Zeit, auch wirklich mit allen Sinnen und allen Gedanken zu erleben. Wir könnten das nicht, weil die Distanz fehle? Die Distanz verwirrt, sobald sie größer wird, weit eher, als sie klärt. Und wir können uns für das Heute zu einem betrachtenden Über-der-Sache-Stehen erziehen, das mehr ist als zeitlicher Abstand. Gebt der Gegenwart zum mindesten ebensoviel Recht als der gesamten Vergangenheit. Und glaubt: die Sünde am und wider den Geist der Gegenwart, und sei sie nur Unterlassungssünde, und sei dieser Geist heilig oder unheilig — diese Sünde ist Totsünde. 277