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Der Anfang · 1914-01-01 · Heft 9 (Januar 1914) · p. Seite 276

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Journal
Der Anfang
Volume
1. Jahr (1913-1914)
Issue
Heft 9 (Januar 1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 276 (sequence 20)
Language
German
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schienen, und schließlich schrieb noch Frau X.Y. ein „Erinnerungsbuch" voll Trauer und Familienklatsch. Als man endlich begann, den großen Mann (der, das versteht sich, nodi lange kein Genie war) zu vergessen, kam die Sensation. Wieder in Gestalt eines Buches: „X. Y/s Jugendliebe. Nach meinem Tode zu veröffentlichen." Es war von einer Jugendgeliebten des großen Mannes, ein Briefwechsel, untermischt mit Tagebuchaufzeichnungen, ein träumerisches Buch voll von Küssen und Jugend und wohlkonserviertem Rosenduft. Eigentlich war das ganze Werkchen so etwas wie wohlkonserviert, aber es wirkte, es wirkte noch immer auf Kosten des toten X.Y., und man riß sich um die Beichtgeheimnisse seiner ersten Torheit. — Fünfzig Jahre und hundert und länger beherrscht ein Vergangener gespensterhaft die Gegenwart und reißt ein Stück Interesse, ein Teil Kraft, eine Menge geistiger Arbeit an sich, die ihm nicht gebühren. Denn es ist nicht wahr, daß wir schnellebig sind und zu leicht vergessen, es ist nicht wahr, daß wir das Ver^ gangene vergangen sein lassen und den Toten ihre Ruhe gönnen; wir reißen sie heraus aus ihren Gräbern, wir erfüllen imaginäre Pflichten gegen ihr Andenken! Wir schleppen abgestorbene Äste mit durch drei Menschenalter und lassen die jungen grünen Triebe verdursten. In den fünfzig Jahren, die X.Y. die Literatur und alles, was drum und dran ist, beherrscht — den Markt, die Interessenten, die Käufer, die Leser, die Freunde, die Parasiten — in diesen fünfzig Jahren sind dreihundert deutsche Dichter, oder Musiker, oder Maler, oder Gelehrte, verhungert! Vielleicht haben sie auch sich „gerettet" und einen Broterwerb gefunden; das ist ja dasselbe, für ihren Beruf sind sie tot. Und wenn auch nur einer von diesen dreihundert zum Schöpfer bestimmt war, wenn nur in diesem einen eine Erfindung, eine Entdeckung, ein Gedanke, das Geschenk einer neuen Illusion verloren ging, — um dieses einen willen hätten wir den dreihundert das Interesse geben müssen, das wir frevelnd am Recht des Lebens dem toten X. Y. schenkten. Das Wort von unserer Schnellebigkeit ist eine Lüge! Wir hasten nur, wir vergeuden unsere Denkkraft an Gewordenes und Gewesenes, und dem Werdenden stehen wir fremd gegenüber. Wir vergessen nicht, wir können gar nicht vergessen, es 276

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