Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 1. Jahr (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (Dezember 1913)
- Date
- 1913-12-01
- Page
- Seite 235 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Wesen. Das Beste von unseren Gedanken und Gefühlen lassen wir ungesagt, nicht weil es für Gedanken jind Gefühle besser wäre, sondern aus falscher Scham. Lisaweta: Sie haben recht, es ist so! Was unterdrückt man nicht aus Vorsicht, Rücksicht, Nachsicht! Man müßte alles sagen. Gregor: Es kommt freilich auch auf das Wie an. Wir dürfen keine Ehrlichkeitsburschen werden, wir müssen die Form, für unsere Ehrlichkeit finden. Lisaweta: Wir werden sie finden! Wozu sind wir jung! Ich bin Feuer und Flamme! Ihre „verkehrstechnische Neuerung" scheint so etwas wie eine sittliche Tat zu sein, nicht wahr, Gregor? Gregor: Ich will ehrlich sein, Lisaweta: Mir scheint es auch so. Der „aufgabenfreie" Nachmittag Kameraden und Kameradinnen aus Deutschland, ihr wißt nicht, wie gut es uns Schülern in Österreich geht. Das Ministerium ist bemüht, durch Reformen und Erleichterungen uns entgegenzukommen. Wir haben neue Maturavorschriften und wir haben den freien Nachmittag. Das war vor zwei Jahren. Da wurde an die Mittelschulen der Erlaß gerichtet, daß zwei Nachmittage der Woche frei von Aufgaben und nur körperlichen Übungen der Jugend gewidmet sein sollen. Schön. Wie aber sieht es mit der Durchführung dieses Erlasses aus? Ich hatte selbst an der Mittelschule Gelegenheit zu beobachten, wie der freie Nachmittag gehandhabt wird, aber ich habe auch an den meisten anderen Mittelschulen Wiens Erkundigungen zu diesem Thema eingezogen. Und da hat sich herausgestellt, daß der freie Nachmittag an nahezu allen mehr oder minder umgangen wird. An den meisten wird einer dieser Tage auf den Samstag verlegt, und die Professoren geben dann ausnahmslos von Samstag auf Montag Aufgaben mit der Begründung, daß man ja am Sonntag lernen könne. An einigen Anstalten existiert der freie Nachmittag nicht einmal offiziell mehr. An andern, wo er eingeführt ist, machen ihn die Professoren dadurch illusorisch, daß sie einfach am Tage vorher die doppelte Portion aufgeben. Überall zeigt sich das Bestreben, diesen Funken von Freiheit noch nach Möglichkeit 235