Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 1. Jahr (1913-1914)
- Issue
- Heft 6 (Oktober 1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 168 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2709933-3186105-3186112--279-3186322- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
um die Sache seibist, so nettmen wir Dinge in Kauf, gegen die wir^ uns sonst: ^pören: die Häßlichkeit in allen ihren Formen. Den Aufenthalt in stickigen, schwülen, barbarisch dekorierten Sälen; barbarische, jm$erem„ innersten Wesen ganz fremde Tänze, in denen wir direkt mit unserem Leibe der Roheit und Häßlichkeit dienen; Musik, von der unserer besseres Teil nichts weiß, deren unser künstlerisches Gewissen, wäre es zugegen, sich schämen müßte; eine gemachte Unsentimentalität und ein Draufgängertum, von deueu unsere Seele nichts weiß. Flüir alles, was uns sonst empören oder krank machen wiiude, haben wir auf einmal kein Organ mehr; denn es geht um unsere Erotik und also um ein heiliges Gut. Aber doch; wir sind schon verkatert, müde; unsere Seele ist sdion Öfter zugegen und klagt uns an, wie sie dürstet nach Schönheit, Anmut und Heiterkeit, und dann ergreift uns eine edle tiefe Scham; ein Ekel kommt uns an, vor den irrsinnigen, drehenden, seelenlos lachenden Menschen, eine Sehnsucht nach heiliger Nüchternheit wird (übermächtig; wir sind ernüchtert, unsere Ueberzeugung, dlaß alt dies notwendig sei, wankt. Wir spuren auf einmal mit schmerzender Deutlichkeit: das .alles sind Surrogate für Jugendlichkeit, Liebe, Lust am Leben, womit wir uns abgeben, wir wollen den Alten, den Unterdrückern, nur zeigen, daß wir uns zu diesen Werten bekennen; laber wir halten sie nicht!in der Hand. Wir halten eine Puppe, die uns lieben bedeuten soll, und unsere Feinde haben den Stoff zuJhr jgeliejert: die Tänze aus ihren Operetten, die Räume von ihrem' 'Kapital und mit dem Zeichen ihrer niedrigen Gesinnung, ja unseren eigenen, heiligen Leib bergen wir nach dem Walinsinn ihrer Traditionen. Wir bekannten uns zum Triebleben überhaupt und Übernahmen die Formen, die wir vorfanden; aber wir dürfen nicht bei diesem Protest gegen Unterdrückung stehen bleiben, wir haben die Verpflichtung, unser eigenes Triebleben zu gestalten. Aus dem Protest der Geknechteten muß die Schwärmerei der Freien werden. Eine edle Schwärmerei muß uns ergreifen, auf daß das Ungestaltete unter unseren Schöpferhänden nach unseren Gesetzen sich gestalte- Wir haben den Eros; aber Eros selbst ist ja nicht schön, er liebt jedoch das Schöne und sucht es zu schaffen. Unser Postulat ist durchgesetzt; es bleibt uns das Eigentliche, die Kulturaufgabe noch zu tun: das Schöne zu schaffen als eine Form unserer Liebe. Oder besser: unsere Erotik soll ein Werkzeug werden der 168