Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 1. Jahr (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (September 1913)
- Date
- 1913-09-01
- Page
- Seite 149 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Man mißverstehe mich nicht Wir sind weit entfernt davon, einen psychologistischen Relativismus vertreten zu wollen, eine Anarchie der Wertungen. Aber wir meinen für Haß und Liebe gilt das Gleiche. — Der Haß ist weniger ungerecht, die Liebe weniger gerecht, als man gern glauben möchte. — Vieles von der Feindschaft des Schülers gegen seinen Lehrer ist Uebertragung von Gefühlen. Das dumpfe ^Drängen des jungen Blutes erzeugt Depressionen, die grundlos quälen, und ein Objekt suchen, daß die Schuld tragen soll. Alles widert an; die Schule vor allem und der Mann, der — meint man — alles so herrlich machen könnte, und doch nicht macht, am meisten. Aber die Jugend will lieben; wiB grenzenlos verehren und lieben. Und auch diese Liebe wird auf einen Lehrer übertragen. Manchmal wegen eines freien Wortes; wegen einer lebhaften Bewegung; wegen Gedanken, die man selber dachte, die er unbewußt erregte; wegen Ueberzeugungen, die man fälschlich in ein paar Worte deutete. Die allermeisten Lehrer sind den meisten ihrer Schüler gleichgültig, jeder wird von einigen geliebt, von einigen gehaßt. Man kennt den nicht, dem man feind ist, und man kennt den nicht, den man verehrt. Ob das nicht zu denken gibt? Ob dies das richtige System ist, das notwendig seine Diener in die menschenunwürdige Lage zwingt, ungerecht geliebt zu werden? Hat man den Mut, diese Liebe des Gymnasiasten zu seinem Lehrer höher einzuschätzen, als seine Feindschaft? Oder weiß man keine frivolere Antwort auf solche Frage, als die, jene Verehrung des Vorgesetzten ermöglidhe bessere Schulerfolge als jene Renitenz? Wir verstehen den tiefen Grund der falschen Wertschätzung dieser Liebe bei der Jugend selbst. (Daß die so Geliebten zufrieden sind, ist billiger audh erklärt). Sie entspricht dem nebligen, dämmerhaften Träumen, das Viele Geniütstiefe nennen und das sie narkotisiert. Ob wir nicht recht haben, solche Gefühle zu verachten? Denen, die nicht gerne selber denken, sei es deutlich vorgesetzt. Trotzdem, deshalb: heilig ist, was der junge Mensch fühlt, wenn er an seinen Führer denkt, den er erprobt hat, den er kennt, dem er freiwillig folgt und den er bekämpft. Und ferner: wir lieben jeden Menschen, der stolz und frei ist. Bernfeld. 149