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Der Anfang · 1913-09-01 · Heft 5 (September 1913) · p. Seite 138

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Journal
Der Anfang
Volume
1. Jahr (1913-1914)
Issue
Heft 5 (September 1913)
Date
1913-09-01
Page
Seite 138 (sequence 10)
Language
German
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Nacktheit - Wahrheit*) Von Ernst, Wien. Ein sehr bezeichnendes Merkmal philiströser, unaufrichtiger, innerlich nicht ganz reiner Naturen ist jenes oft kokette Schamgefühl, mit dem sie um das von ihnen so benannte „Heikle44 im Liebesleben herumzubiegen suchen, wodurch sie den teuflischen Nimbus eines „heiligen Geheimnisses" weben wollen. Die ganze Liebe ist etwas ungemein Heikles, und es war nur die Schuld vielleicht mehrerer niederer Subjekte, deren eigene Schamlosigkeit, von der Natktheit, dem reinsten Symbol reiner Wahrheit, „heikel44 zu sprechen zwang, damit diese nicht zur Gemeinheit herabgewürdigt werde. Jenes Mysterium aber, das Nochnichtsein und Nichtmehrsein brüderlich zusammennimmt und wie aus zwei Saiten einen Ton zieht, der an der Schwelle eines Kusses zweier Liebenden Vor- und Nachfahren, Vergangenheit und Zukunft, Ungeborensein und Tod innigst die Hände drücken läßt, jenes Mysterium, das allen Menschen zumindest einmal in ihrem Leben läutende Stunden des Glüdcs oder läuternde Jahre des Leids gewährt, jenes Mysterium läßt sich nicht in ein Tabernakel sperren, um es profanen Blicken zu entziehen. Es ist ein Lehen des All, das es allen von uns vergeben hat, und es liegt vollkommen in unserer Hand, ob wir diese Gabe gut zu gebrauchen verstehen oder mißbrauchen; aber keinen Mißbrauch straft das All bitterer an uns als diesen. Ith glaube daher, daß man sich bei so entscheidenden, lebenbestimmenden Dingen vor schädigenden Verlogenheiten hüten müsse, um nicht zu Unschuld und Unwissenheit noch die Unwahrheit, welche jeden gesunden Nährboden von vornherein nimmt, hin/uzufiiigriL Ich glaube, daß man mit nicht zu diesem Zweck gemachtem, sondern ernstlichem Ernst und mit Selbstverständlichkeit von jenem erschütterndsten, um nicht zu sagen, höchsten Affekt des Lebens sprechen *) Ich habe mich in dieser Abhandlung befleißigt, Worte, wie „Aufklärung", „Sexualität", Pubertät" u. a. dieser Art zu vermeiden, da sie sich im Munde der Jugend nicht gut ausnehmen; es sind Worte, geprägt von Erwachsenen, die über die Jugend denken, aber diese selbst tut besser, sich in ihrer Weise zu verständigen, wenn anders sie sich ihre anmutige Eigenheit bewahren will. — 138

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