Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 1. Jahr (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (August 1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 110 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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mit .Welträtseln und Seelenfragen aufweist. Und worin besteht er in Wirklichkeit? Neun Jahre hindureih werden dieselben Fragen behandelt. Als Antwort auf diese Fragen müssen wir Formeln bereit haben, lebenslose Floskeln wie : „der lebendige Gott", „die Gemeinschaft mit Gott", „der bergeversetzende Glaube", „die geistlich Armen". Jede andere Religion wird, ohne daß wir sie kennen lernen, vom- Lehrer verworfen, wenn nicht gar bemitleidet oder verspottet. Immer wieder wird uns1 unter die Nase gerieben, daß unser Verstand hier nichts; zu suchen habe. Unser ganzer Forschergeist, unsere pfadesuchende Sehnsucht bleibt unbefriedigt. Aber das kann ja alles gar nicht anders sein, solange Kirche und Schule in dasselbe Ministerialressort gehören. Solange werden die protestantischen Religionslehrer, die katholischen, die jüdischen einander ruhig weitet verwerfen. Und allen dreien würde der Naturgeschichtslehrer immer aufss neue widersprechen müssen. Und wie leicht ließe sich dast ändern. An Stelle des Religionsunterrichts trete ein Uebcrblick über alle bestehenden Weltanschauungen. In wissenschaftlicher Objektivität lehre man die wichtigsten Religionen und Philosophien. Man lese mit den Schülern wenige, aber charakteristische religiöse Urkunden aller Kulturen und Werke von Plato, Descartes, Spinoza, Kant, Hegel, Schopenhauer, Nietzsche. Dann werden die Heranwachsenden denken lernen. Die Schulmänner sagen, hierzu diene ja zum großen Teil der Unterricht in der Grammatik und der Mathematik. Aber was ist das! für ein Denken?! Ein reih formales, blutloses, lebensfremdes. Man gebe den Schülern Gelegenheit, sich in praktischenj Denken zu üben! Man lege ihnen Fälle vor, wie sie im Leben jederzeit vorkommen. Man stelle sie vor angenommene Entscheidungen. Man lese mit ihnen nicht allein papierne Konflikte, wie sie aus Iphigenie, Tasso, Don Carlos herausgenommen und breitgetreten werden, sondern man lese auch einmal Ibsen und Hauptmann, Strindberg und Tolstoi und statt der oft unwiderstehlich! komischen Schillerballaden, wie z. B. die Kraniche des Ibykus, lese man Richard Dehmel. Wir wollen nicht mit alten, erstarrten Idealen vollgestopft, mit irreführenden Lebensregeln „gefestigt" werden, wir wollen heutig sein ,bewußt jung und vorwärts blickend; und wenn uns das die Schule nicht bringt, dann wollen wir es der Schule bringen! 110