Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 1. Jahr (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (August 1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Mit unsern von der Schule selbst geschärften Blicken sahen wir, «laß gerade dort, wo wir eine volle, achtunggebietende Persönlichkeit erwarteten, sich kleinliche Anschauungen breit machten, daß Interesselosigkeit, Unanständigkeit, Haß, Mißgunst, Neid, Feigheit und Unverfrorenheit sich nicht selten bei jenen Leuten fanden, die unsere Vorbilder sein sollten. Im Laufe der Zeit sind wir von ihnen hundertfach falsch eingeschätzt und mißverstanden worden. Wir haben gesehen, daß sie Unrecht über Recht siegen ließen, daß sie die Wahrheit entstellten und von uns das Gleiche verlangten. Wir waren gezwungen, uns selbst untreu zu werden, unser echtes Wesen zu verstecken und eine falsche schmeichelnde Maske anzunehmen. — Dazu kam, daß man einerseits uns im Unterricht mit Dingen quälte, die in der dargebotenen Form nichts' Anziehendes für unsl hatten, und daß wir andererseits im Hause nicht den nötigen Rückhalt fanden. Es ist nicht zu verwundern, daß infolgedessen so viele stumpf wurden und sich nur noch empört abwandten, wenn sie persönlich in Mitleidenschaft gezogen wurden, ja, daß sie, deren schlechten Instinkten nun Tür und Tor geöffnet war, sich nicht schämten, jetzt ebenso zu handeln, wie jene, die sie vordem verdammt hatten. Sie setzten die Unwahrheit auf ihre Fahne und empfanden noch Freude darüber, recht grundgemein schlecht zu sein. Wir andern dagegen kämpften noch einige Zeit und sahen allerdings von da ab auch in manchem Mitschüler den Feind, bis von allerlei Enttäuschungen beschleunigt audi für uns die große Ermüdung kam. Ohne gerade mitzutun mit jenen andern, ließen wir dennoch zu, daß sie die allgemeine Richtung angaben und hinderten nicht, was wir noch hätten hindern können. So ist unsere größte Not entstanden, nämlich, daß wir uns vom Strome treiben lassen, anstatt unsere Fahrt selbst zu bestimmen, daß wir den Willen zur großen Sache so schwer nur aufbringen können, daß unsere geistige Spannkraft dahin zu sein scheint. „Soll sie uns auf immer verloren sein?" ist die Frage, die mit schreckender Ungewißheit auf uns lastet, oder werden wir ein „Rinascimento des dritten Jahrzehnts" erleben? 102