Mannheim
Compact Memory

Der Anfang · 1913-06-01 · Heft 2 (Juni 1913) · p. Seite 56

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Anfang
Volume
1. Jahr (1913-1914)
Issue
Heft 2 (Juni 1913)
Date
1913-06-01
Page
Seite 56 (sequence 25)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2709933-3186105-3186108--164-3186203
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Antwort. Um Dummheiten in wirklich klassischer Form von sich zu geben, auch dazu gehört ein gewisser (negativer) Geist, eine gewisse vollkommene Gottverfassenlieit. Infolgedessen müssen wir dem Herrn Einsender zustimmen, wenn er sagt, daß die in Ardors Aufsatz und dem Klassenspiegel angeführten Beispiele doch immerhin Ausnahmen seien. Leider sind sie Ausnahmen. Denn solcher in sich vollendete Blödsinn trägt eben zugleich etwas Versöhnendes in sich. Darin aber liegt doch der Kern des Problems, daß so etwas auf unseren öffentlichen Schulen überhaupt möglich ist. Und wenn es auch nicht allen mittelmäßigen Oberlehrern gelingt, es gleich auf so verewigenswerte Formeln zu bringen, so sind die Formeln doch eben nur ein besonders prägnanter Ausdruck dessen, was sich in minderer Prägnanz und also größerer Langweiligkeit täglich tausendfach vollzieht. Denn das ist ganz gewiß wahr, die größeren Ausnahmen sind an den Schulen diejenigen Lehrer, die Geist verstehen, Geist besitzen und Geist entzünden. Der alte Satiriker Christian Ludwig Liscow war einmal in einen Streit verwickelt, in dessen Verlauf er die Behauptung aufstellte, sein Gegner sei auf irgend eine komische Weise ums Leben gekommen. Der Gegner veröffentlichte eine Schrift, um zu beweisen; daß er noch lebe, und Liscow bewies dem Publikum gerade aus dieser Schrift, daß jener unmöglich noch leben könne. So möchten wir gerade aus dieser Apologie des Oberiehrertums unserm Gegner beweisen, daß das Oberlehrertum wirklich so ist, wie wir es 9ehen. Da ist die Geschichte mit der illustrierten Zote. Der Professor führt dem Schüler zunächst zum Bewußtsein, daß er ihn jetzt verderben könne, um thn dann mit großer Geberde zu begnadigen. Fühlt der Herr Einsender nicht, wie beschämend und erniedrigend für den Schüler (und also wie takt-, ja schamlos vom Lehrer) diese Form des Straferlasses ist, indem er ihn erst seine Macht fühlen läßt und ihn dann mit der Nase in die Gnade stößt, wie einen Hund in den Kot? Wenn der Schüler vornehmeren Geistes war als der Professor, so wird er zehnmal lieber sich relegieren lassen, als sich dieses Gnadenaktes erfreuen. Wenn dies tatsächlich kaum je vorkommen sollte, 90 ist es eben ein Beweis dafür, wie wenig Stolz die Schule in ihren Zöglingen noch übrig gelassen hat. 57

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.