Mannheim
Compact Memory

Der Anfang · 1913-06-01 · Heft 2 (Juni 1913) · p. Seite 54

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Anfang
Volume
1. Jahr (1913-1914)
Issue
Heft 2 (Juni 1913)
Date
1913-06-01
Page
Seite 54 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2709933-3186105-3186108--162-3186201
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

eine illustrierte Zote herumgehen. Der Professor bekommt sie in die Hand. „Wissen Sie, daß ich! Ihren Ausschluß bewirken kann?" „Ja, Herr Professor!" Der Professor nimmt das Blatt und wirft es in den Ofen. Oder; ich habe Versetzungsprüfung in Latein. kW bekomme eine ganz leichte, kurze Stelle und entspreche. Der anwesende Direktor aber will mich noch ein wenig quälen und stellt eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Daraufhin sagt der Professor ganz gemütlich: „Ja, das kännen's nicht wissen, das haben wir nicht gelernt." Und ohne die Zustimmung des Direktors abzuwarten, setzt er hinzu: „Es ist gut, Sie können sich setzen.*'. Oder: Ich bin bei der Matura. Der Professor gibt mir meine Stelle und einen kleinen Zettel, auf dem eine Vokabelangabe und „Alcidcs — Herakles" steht. Nach der üebersetzung fragt er mich vor der Kommission: „Wer ist der Alcide?" ICh: „Herakles." Der Professor: „Sehr gut!" Oder: Einer kann bei der Matura g&r nichts in der Mathematik. Um ihn zu retten, läßt ihn der Professor differenzieren. „Wie heißt der Differentialquotient?" Antwort: „dx durch dy." „Oanz richtig", sagt der Professor, „dy durch dx." Ich könnte diese Beispiele} noch fortsetzen. Sie zeigen, daß schließlich auch der Professor ein Mensch und kein Ungeheuer ist. Die im Klassenspiegel angeführte Anekdote von der Auslegung des Wortes Buhle im „Königin Thüle" ist ebenfalls eine Uebertreibung. Uns hat unser Deutschprofessor das die Sinnenlust verherrlichende Gedicht — Walthers von der Vogelweide „Unter den Linden" vorgelesen und gesagt: „Das tue ich natürlich nicht, weil es mir um sexuelle Aufklärung zu tun ist; Sie kennen diese Dinge ohnehin, aber ich glaube, daß Sie reif genug sind, um die dichterischen Werte dieses Liedes! würdigen zu können." Ich halte es für sehr verfehlt, den Gymnasiasten, wie es in diesem ersten Heft geschieht, fortwährend zu sagen: „Die Professoren sind Entartungen der Menschheit, ihr aber seid reife, vollwertige Menschen." Daß die Jugend ein Recht hat, gehört zu werden, daß sie Selbstverwaltung üben soll, daß sie aus dem Zwang und der Knechtung der heutigen Schule zu befreien sei, das ist auch meine Meinung. Daß aber die Jugend 55

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.