Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 1. Jahr (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 36 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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führen, diese oder die andere Form für die atlerwünschenswerteste zu halten und dadurch die gesuchte Richtung zu finden. Wie aus all diesen Darlegungen hervorgeht, spielt das frühexe Ideal der harmonischen oder allseitigen Bildung, des gleichschwebenden Interesses oder wie sonst dieser Gesamtbegriff bezeichnet worden ist, hier gar keine Rolle. Ich halte dies Ideal für vollkommen verfehlt und mache darauf aufmerksam, daß unter all den Menschen, durch deren Tätigkeit die Kultur an irgendeiner Stelle um ein Erhebliches vorwärts gebracht worden ist, kein einziger diesem Ideal ider gleichförmigen Ausbildung aller körperlichen und geistigen Eigenschaften entsprochen hat. Ein derartiges Ideal ist nämlich psychologisch und physiologisch unmöglich und |muß< infolgedessen von vornherein aufge* geben werden. Dasjenige Ideal) hingegen, welches durch die: Bedingungen unseres Organismus gegeben ist, besteht darin, daß der Mensch nach einer ganz bestimmten Richtung sich vorwiegend ausbildet, daß er in einem ganz bestimmten Tätigkeitskreise durchaus seinen Schwerpunkt hat und daß alles übrige, was er an sich geistig und körperlich entwickelt, in den Dienst dieses zentralen Willens gestellt und mit Rücksicht auf solche Betätigung erworben und geübt werden muß. Statt also die Einseitigkeit zu scheuen, soll man sie nur ganz üinbefangen und bewußt suchen. Es hangt dann von der Leistungsfähigkeit des einzelnen ab, wie weit er um die Grundrichtung seines Wollens und Tuns den Winkel anderweitiger Betätigung ausdehnt. Im Grunde hängen ja alle menschlichen Dinge, alle Wissenschaft, Kunst und Praxis durch unzählige Fäden miteinander zusammen, und je kräftiger und energischer sich ein Mensch eines bestimmten Problems bemächtigt, um so reicher und mannigfaltiger wird er im Laufe seiner Entwicklung die Beziehungen finden, die dieses Problem mit allen andern Fragen der Menschheit verbinden. Jene Mannigfaltigkeit und Vielseitigkeit der Interessen und Betätigungen also, welche eine mißverstandene Pädagogik an den Anfang der jugendlichen Ausbildung stellte^ ist allerdings vorhanden, sie ergibt sich aber erst als spätes Endresultat eines langen und mannigfaltig tätigen Lebens. Sie darf deshalb keine Rolle in der Epoche der persönlichen Entwicklung spielen, wo umgekehrt die möglidtste Steigerung der einzelnen wertvollen Eigenschaft die sicherste Oer währ nicht nur des äußeren Erfolges, sondern auch der inneren Befriedigung bildet. t 37