Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 9 Jahrgang = Jahr 5611 (1850)
- Date
- 1850-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 106)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2609281-3184088--1951-3186064- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
107 Jahre 1848 rr. 1849. keine Bittschriften, keine Bitten und Klagen n m unser R e ch i. Wir haben genug 30 Jahre lang gebeten, fußfällig mir e mp orge h o ben e n H ä n d e n gebeten, um Recht und — Menschlichkeit. Nichts m ehr da. Wir nehmen und hegen in Geduld und Ruhe unser Geschick, erheben nicht eine Hand für unser Recht, bewegen nicht einen Fuß für unser Recht. Erst das Recht des Menschen, zu leben, zu aihmen, zu denken, zu sprechen; erst das Recht des Bürgers, des edlen, freien Bürgers in seiner Berechtigung; — nachher kommt der Jude! Man soll uns nicht vorwerfen, wir denken immer und überall nur an uns, zunächst an uns. Wir sind die Leidenden in jedem Falle. Wo die rohe Gewalt einbricht, bricht sie gegen unS ein; wo die Gewalt der Herrschaft reagirt, reagirt sie gegen uns. Alle Beschränkungen über uns. Thut Nichts, unsre Zeit die kommt und bl erbt nicht aus!" u. s. w. Doch bei all dem, daß die österreichischen Israeliten die Geltendmachung ihrer eigenen Rechte nicht erstürmen, nicht erbetteln wollten, blieben sie vom bewegten Schauplatze der Völkerfreiheit nicht zurück. Mit Wort und That, in Volksversammlungen , wie im Reichstage, kämpften begeisterte Männer auö ihrer Mitte für die neuen Errungenschaften, die ein milder Herrscher mit seinem Kaiserworte sanktionirt hatte, mit Muth und Kraft. — Unter alten gehäßigen Verdächtigungen, mit welchen unversöhnliche Judenfeinde sie in den jüngsten bewegten Zeiten zu verfolgen sich bemühten, konnte der Vorwurf der Feigheit und Selbstsucht — was den Juden zu allen Zeiten nahe gelegt zu werden pflegte — wenigstens nicht treffen. Doch genug der einleitenden Betrachtung. Richten wir den Blick auf die neue Phase in welche unser politisches und sociales Leben, alle Stände, alle Konfession im Streben nach einem großen Ziele vereinend getreten. Die letzte Revolution Frankreichs (im Februar 1848) war das Gericht eines sich seiner Rechte und Würde bewußten Volkes. Um sein Heiligstes, um seine ihm durch die Charte verbürgte Freiheit, kämpfte die französische Nation.