Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 6 Jahrgang = Jahr (1848) 5608 (1847)
- Date
- 1847-01-01
- Page
- Seite 243 (sequence 291)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2609281-3184086--1781-3185893- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
T Alexandriens Vorzeit. 243 schönen Traum meines heitern Morgens. Ach was ist ein Leben ohne Traum so tobt. Und ist am Ende jedes Leben nur ein Traum, so ist ein traumloses Leben —. ein Traum ohne Leben. — Wie war's vordem so anders, da ich in dir, Cirilla, noch die Seele meines Daseins kannte. Damals, wie wußte ich, was die Tauben girren; wenn sie mit reger Schwinge um das Nestchen schwirren. Ich wußte, was des Waldes Laub mir rauscht; wenn ich unterm Sternenhimmel ihm gelauscht. Ich wußte, was die Thräne thauet, die aus des Auges blauem Himmel schauet. Wie habe ich die Welt mit Liebe umfangen mögen. Mir schwolls im Busen so hoch und so heilig. Da griff ich zu der trauten Leier, baute mir den Babels Thurm, baute mein Lustschloß bis zur Wolke. Doch gleich jenen ersten Menschen, von denen meiner Väter Sage gehet, ward unseres Volkes Sprach' verwirrt. Jeder seine Sprach' nur spricht, kann sein Gefühl nicht andern künden; bis der Freundschaft Fessel bricht, und jeder Freund nur einsam irrt, und vor jeder Störung scheuet. — Denn die Sprachen sind verwirrt, und die Menschen sind zerstreuet. So höhnten Venschen meine Schmerzen, lachten Hohn dem wunden Herzen, und ich suchte Trost in den Armen der Natur. Auf Blumen haucht' ich meine Küsse, in die Lüfte sandt' ich meine Grüsse, doch der Wind verwehet bald, und die Blumen blieben kalt. An die Wolken richt' ich meine Fragen; an die Sterne Heft' ich meine Klagen, — Doch Sterne cul) und Wolken sind ja taub und stumm. — Und doch muß ich lieben, kann's nicht lassen, kann mein liebbedürftiges Herz an der Wissenschaft nicht laben —- Wer in süßen Träumen schwärmt, der lasse der Erkenntniß Frucht; wer sich mit kahlem Wissen härmt, vergebens nach der Liebe sucht. Umsonst, umsonst! die Hefe ist herb, die Schäume verdampfen, der Kelch ist leer; sanft ist das Lied, das Wissen ist derb. Der Kopf ist voll, das Herz ist leer/ — So ungefähr schwärmte Selim im unbestimmten Chaos der Phantasie-Gebilde, die im regellosen Schwarme durch die aufgeregte Seele summten. Er hatte einst geliebt, und ward betrogen. Er liebte die Tochter eines Glaubensgenossen, die ihn zu Gunsten eines griechischen Höflings verrieth. Letzterer, ein Wüstling, verließ auch jene schnöd, und ihr zur Verzweiflung gebrachter Vater verstieß die entehrte Tochter, welche ihr Heil auf der Bühne suchte, und auf das dortige Theater im Bruchium trat. Cirilla war vom Glanze geblendet, und gab sich dem Höflinge Preis. Als sie sich so schmählich verrathen sah, gedachte sie S e lim's wieder. Doch dieser war nicht mehr in Alexandrien zu sehen. Er hatte sich nach Jerusalem zurückgezogen , und obwohl er beinahe aus dem Regen unter die Traufe gerathen war, so gewann er doch durch die Ünwandelbarkeit seines Charakters und die Strenge seiner Sitten das Vertrauen einiger Bessergesinnten. Selim nämlich, in Alexandrien der Elite der gebildeten