Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 6 Jahrgang = Jahr (1848) 5608 (1847)
- Date
- 1847-01-01
- Page
- Seite 196 (sequence 244)
- Language
- German
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196 Bilder aus Untröstlicheres für den Menschen, als sich einen solchen ewigen Kreislauf der Geschichte zu denken. Nein! Es kann so nicht sein! Die Weltgeschichte ist das ewige Gedicht Gottes, wie ein Forscher unsererseits gesagt, mit ewig jungen stets neuen Ideen, und ein langes Echo tönt den Riesenkämpfen der Vorwelt nach; die Schwerter die einst geklirrt, klingen mahnend noch in den Ohren der Epigonen. Wahr ist's, eine jede Gegenwart ist die Wahlftatte, wo die Vergangenheit mit der Zukunft ringt;'Fortschritt oder Rückschritt ist das Losungswort der Kämpfenden — und ein Kampf siehet dem andern gleich, wie die Gesetze der menschlichen Natur stets dieselben bleiben. Aber die Errungenschaften der Jahrhunderte sind weil von einander verschieden! Erinnerung und .Hoffnung üben, nach verschiedenen Richtungen wirkend, ihren Einfluß auf den'Menschen, der keiner Richtung folgt, und sich im Kreise stets bewegt. — Aber der Erde gleich, die täglich die gleichförmigen Bewegungen macht; doch weiter stets auf ihrer Sonnenbahn gelangt: sc schlänglen sich die Kreise der Geschichte in unermeßliche Räume fort, einem fernen Lichte entgegen. Keine Geschichte 'bestartiget jedoch diese Wahrheit mehr, als das Schicksal unseres jüdischen Volkes, dessen Lehre und Glauben, dessen einzig trostreiche Ueberzeugung das unveräußerliche Gut dieser Wahrheit ist. Das Judenthum ist die bedeutungsvollste Hieroglyphe, die die Vorsehung in's Buch der Menschheit geschrieben hat, die sinnigste Idee im großen Weltgedichte, und die ganze Historie ist nur ein Commentar dazu. Wie der Mensch der Stundenzeiger an der Uhr der Zeit, so ist der Jude der Minutenzeiger, der schon oster diese Bahn durchmeffen hat. Wie oft haben wir nicht unter blühenden Völkern gelebt! wir haben mit ihnen geblühet, wir sind durch ihren Verfall zerrüttet worden, wenn auch nicht untergegangen. Wie keine Nation auf Erden zogen wir durch die brausenden Wogen der Jahrhunderte hindurch, von keiner Welle unangetastel; rechts und links versanken Generationen und Völkerschaften, rechts und links tauchten andere wieder auf, und Alle auf wohlbewährten reichbewimpelten Schiffen. Unser armseliger Nachen war überall mitten darunter, und kein Fährsmann hätte ihm die Rettung aus dem Fluthendrange prophezeien mögen. Ja, noch mehr! Wir stellten stets die ganze Gegenwart auf einmal dar, wir haben so eigentlich das Reich besessen, in welchem die Sonne nie unteraber auch nie aufgehet. Morgen und Abend, Nacht und Mittag hatten wir zu gleicher Zeit. Begünstigte uns der Westen, so geißelte uns der Osten. Legte der frostige Norden seine eiskalte Hand in unser warmes Herz, lächelte uns mild die südliche Sonne; reichte uns ein Bruder die Hand, stieß uns der vornehme Freund zurück. Wir waren stets die 1) Schelling,