Mannheim
Compact Memory

Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1846-01-01 · 5 Jahrgang = Jahr (1847) 5607 (1846) · p. Seite 324

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
5 Jahrgang = Jahr (1847) 5607 (1846)
Date
1846-01-01
Page
Seite 324 (sequence 347)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2609281-3184084--1455-3185566
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

324 Vorbemerkung. Wie muß aber die Uebersetzung beschaffen sein, wenn sie bloß den Poeten und Aesthetiker, und nicht auch den Philologen und Geistlichen berücksichtiget'{> Haben wir eine solche, die, frei von allen linguistischen, historischen und theologischen Nebenabsichten, den Künstler allein vor Augen hat? Die Auslegung in unserem Sinne soll uns nicht etwa mit dem Geiste der Sprache und ihren Idiotismen, sondern mit dem Geiste der Poesie und der Jdealisirung befreunden, und die in dieser Art von Eregests gewonnenen theoretischen Resultate sollen in der Uebersetzung praktisch, möchte ich sagen, werden. Die Uebersetzung sei der Auslegung, was das Experiment dem Physiker; es soll sich in ihr und durch sie die Richtigkeit der vorangegangenen Forschung zeigen, indem der Gedanke als das einende Band der fremdartigen' Sprachelemente mehr in den Vordergrund gestellt wird, und so das Unbezwingliche der Form mildert. Die Uebersetzung also, wie sie dem Aesthetiker notwendig ist, kann nicht dann treu genannt werden, wenn etwa jedes Wort des Textes nach lexikalischer Manier wieder gegeben wird; sondern wenn man sich in die Seele des Gedichtes so hinein denkt, daß man all die lebensvollen Bilder richtig erfaßt, die der unbeholfene Buchstabe oder der fremde Sprachgeist minder prägnant bezeichnen, und die gleichwohl allein es sind, die die Dichtung zu einer solchen machen, und wenn man sie erkannt hat, mit frischerem Kolorit anhaucht, und sie so in das abendländische Gewand hüllt, und mit den dem Sinne korrespondirenden Formen unserer Metrik und Versarchitektonik verziert. — Ein Bedürfnis nach solchen Uebersetzungen der heiligen Poesien hat man schon zur Zeit der Reformation gefühlt; man findet Ideen dazu schon in Melanchtons Namen ausgesprochen, und selbst die humanistische Schule der letzteren Decennien des vorigen Jahrhunderts hat sich zu derartigen Versuchen herbeigelaffen. ' Allein immer wurde diese Bahn nachmahls verlassen; *) weil die *) Freilich waren es zumeist die Psalmen, die, ihres hymnischen Charakters wegen, wodurch sie sich zu gottesdienstlichen Gesängen eignen, zu dergleichen Unternehmungen aufgeregt; weniger war dieses bei den prophetischen Büchern der Fall. Schon die Namen Gerhard, Becker, Hegewald aus den frühern; Lange, Spreng, Wolleb, Lehmus, Fischer, Lavater, Müller und Zollikofer aus den spätern Zeiten, reichen hin , die Richtung der Psalter-Uebersetzungen zu bezeichnen. Sie restektiren nähmlich mehr auf das aseetische Moment und auf den kirchlichen Effekt. Weniger ist außer der Mcndelssohnischen Uebersetzung jüdischer Seits hierin geschehen. Diese Zeilen waren bereits dem Drucke übergeben, als dem Verfasser die neuen Uebersetzungen von Amalia Wittmütz und Fr. A. Koethe zugekommen sind. Beide haben in ausländischen Blättern bereits ihre Würdigung gefunden; jedoch behalten wir uns vor, dieselben anderwärts ausführlich zu ^besprechen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.