Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 5 Jahrgang = Jahr (1847) 5607 (1846)
- Date
- 1846-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 227)
- Language
- German
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202 Briefe aus Galizien. Der Fremde wird daher bei genauer Bekanntschaft, zu seiner Ueberraschung wahrnehmen, daß es in den galizischen Städten xtnter den polnisch gekleideten Juden mehr Freisinnige, ja mehr Freidenker gibt, als in manchem in der Kultur vorgerücktern Lande. Diese Ertreme haben aber bisher noch nicht die rechte Vermittelung gefunden. Die äußerste Linke der Liberalen und gewissermaßen deren Muster, die sogenannten Deutschen, haben dem größten Theile nach (freilich weil Anfangs zurückgestoßen) die religiösen Satzungen so sehr vernachlässigt und sich von der jüdischen Masse so weit entfernt, daß diese sich gewöhnt hat, den Gegenpol der Aufklärung, den Chaßidismus, als das einzige Palladium der Religion zu betrachten, wie denn auch die Aufgeklärten jeden, der es mit den Religlonsgesetzen genauer nimmt, einen Chaßid zu schelten pflegen. Daß der Sache der Aufklärung dadurch nicht Vorschub geleistet wird, ist leicht zu erachten. Allein eben wo solche Ertreme neben einander bestehen, ist ein Stillstand undenkbar und wird schon die rechte Mitte sich ausbilden. Zur Beschleunigung dieses Werkes wäre vor Allem erforderlich, daß die Familien sich mehrten, die im modernen Kleiderzuschnitt den religiösen Sinn und die religiöse Satzung zu wahren wissen, und daß die Gebildeten einige Schritte zurückgehen, um wahrhaft fortschreiten zu können. Jedenfalls glaube ich von einer Bildung mehr erwarten zu dürfen, welche chaßidische Elemente namentlich Herz und Gemüth beibehalten, als von einer, die auf gefallsüchtigen Witz und kalten Skepticismrls gepfropft worden. Möge der Herr bald sein Licht über Zion aufgehen lassen und unser Dunkel ganz erhellen! III. Sie fragen mich mein Theurer, was ich mir davon, — daß von nun an jeder anzustellende Rabbiner oder Religionsweiser die philosophischen Studien mit gutem Erfolg zurückgelegt haben soll, für die Hebung unserer hierländischen Glaubensgenossen verspreche? Darauf kann ich Ihnen leider kurz antworten: Vor der Hand d. h. im nächsten Jahrzehend wenig oder nichts. Warum? die Gemeinden (höchstens zwei oder drei ausge-