Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 5 Jahrgang = Jahr (1847) 5607 (1846)
- Date
- 1846-01-01
- Page
- Seite 200 (sequence 225)
- Language
- German
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200 Briefe aus Galizien. alle Civilisation, auf die Auszeichnung in Sprache, Tracht und Lebensweise, so großes Gewicht legen, obwohl anderseits ihr Anhang in mancher Beziehung z. B. in der Gläubigkeit, in der Verehrung der Branntweinflasche und anderen Gewohnheiten dem christlichen Landvolke näher steht als die Thalmudiften und die Aufgeklärten. Indessen muß zugestanden werden, daß manche dieser Orakelspender redliche Leute, d. h. betrogene Betrüger sind, und den größten Theil der ihnen dargebotenen Opfergaben unter ihre Armen vertheilen. Am reichsten ist das Haupt der ganzen Genossenschaft, der aus Rußland herübergeflüchtete Enkel deS Stifters derselben, dem von allen Gegenden Polens, Rußlands und der Moldau andächtige Pilger ihren Tribut darbringen, und dessen glänzenden Hofstaat und Sardanapalischen Lurus sie dann bewundern; denn etwas Anderes wird ihnen nicht geboten. (הנח הוא תפוש זהב וכסף וכל רוח אין בקרבו) So tanzt das Volk um das goldene Kalb, zu dessen Anfertigung es seinen kostbarsten Schmuck hergegeben und wundert sich, daß es ganz golden ist, und so herrlich glänzt. In moralischer Hinsicht dagegen stehen die Chaßidim wahrlich nicht tiefer als ihre nichtchaßidischen Brüder. Sie können höchstens von ihren Führern als blinde Werkzeuge leichter mißbraucht werden. Nicht einmal unduldsamer religiöser Fanatismus kann ihnen zur Last gelegt werden, wogegen schon ihr ganzes sorgloses, lebensfrohes und lebenslustiges Wesen streitet. Am gerechtesten trifft sie der Vorwurf eines falschen übermäßigen Gottvertrauens, aus dem die Trägheit und Nnthätigkeit einerseits, und der um die Zukunft der Angehörigen unbekümmerte Leichtsinn anderseits ihre vorzüglichste Nahrung ziehen. Indessen ist bei der großen Armuth und Rathlosigkeit und den vielfachen Beschränkungen der Nahrungswege dieses sorglose Gottvertrauen das einzige, was den Elenden ihre Eristenz erträglich macht. Die Wohlthätigkeit ihrer Reichen, die das gerügte Nebel befördert, ist auch ohne Maß und ohne Berechnung, wie sie überhaupt einander brüderlich beistehen und die einzigen hier zu Lande find, bei denen echter Gemeinsinn anzutreffen ist. So