Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 5 Jahrgang = Jahr (1847) 5607 (1846)
- Date
- 1846-01-01
- Page
- Seite 197 (sequence 222)
- Language
- German
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Briefe aus Galizien. 197 lie einzuverleiben und läßt seine Tochter ohne obrigkeitliche Bewilligung trauen. — In den meisten Familien würde die Ablegung der auszeichnenden Tracht zwar nicht als religionswidrig, aber als eine Herabwürdigung, als eine ehrlose Nachgiebigkeit betrachtet werden. Man begreift so wenig eine andere Anschaungsweise, daß man z. B weit entfernt, sich des wilden Treibens und fürchterlichen Schreiens in der Synagoge dem Christen gegenüber zu schämen, sich beredet, auch er müsse darüber entzückt sein, den Gipfel der himmelwärts steigenden Andacht darin erblicken, was vor nicht langer Zeit ein Lemberger Religionsverweser im Sinne seiner Parthei gegen den Vorstand geradezu schriftlich geäußert hat. Wie sollte man da nicht auf seinem Standpunkte verharren? — Die Wenigen aber, die über diese Befangenheit hinaus sind, haben gewöhnlich alle Selbstständigkeit ansgegeben und laben ihre schwachen Lebensgeister lediglich am Beifall der christlichen Welt, so daß ihr Beispiel eher abschreckt als zur Nachfolge ermuntert. Doch dieses Verhältniß hoffe ich Ihnen deutlicher zu machen, wenn ich über die religiösen Partheien berichte. Für heute ist mein Schreiben ohnehin ziemlich lange ausgefallen. Leben sie wohl! II. Meinem frühern Versprechen gemäß will ich Ihnen, mein Theurer, durch Gegenwärtiges eine Uebersicht der religiösen Pariheien und einen Einblick in ihre gegenseitige Stellung zu verschaffen suchen. — Da tritt uns vor allem das Ihnen beiläufig bekannte, diesen Gegenden eigenthümliche Gespenst des Chaßidismus mit seinem den Weinberg des Herrn bedeckenden Schatten entgegen, der jedoch unfern Lichtfreunden furchtbarer erscheint, als er wirklich ist. Ich wenigstens glaube ihm auch gute Seiten abgewinnen zu können, und fürchte jedenfalls nicht von Ihnen ein Finsterling gescholten zu werden, wenn ich jenes verschriene des Wortes ohnmächtige Ungeheuer gegen die zu heftigen An-