Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 4 Jahrgang = Jahr 5606 (1845)
- Date
- 1845-01-01
- Page
- Seite 188 (sequence 257)
- Language
- German
- Belongs to
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188 Ephraim Neu bl. edle und ehrenfeste Beisitzer des Löblichen Wiener Stadtgerichtes. Kommt zum Spruche! Actuarius, thut Eure Pflicht." „Haltet ein," rief der Jude, — „ich will." „Das läßt sich hören, das Gericht ist mithin aufgehoben," fuhr der Richter fort, „der Proselit soll in die Rathsstube geführt, und dort vom Stadtpfarrer unterrichtet werden. Wir sind zu Ende Ihr Herren." Der Richter erhob sich und seinem Beispiele folgten die Beisitzer. Auch das Volk verlief sich, und der Rathsdiener geleitete den halb ohnmächtigen Juden hinab, wo die Taufe seiner harrte. Halb triumphirend, halb wüthend entfernte sich Diether, hatte jedoch kaum die Mauern des Rathhauses hinter sich, als sich eine Hand auf seine Schultern legte. Er wendete sich um und starrte in das finstere Antlitz Thomas Breitners. „Was willst du!" fragte er überrascht. „Diether," sagte Breitner mit dumpfer Stimme, „wir sind Freunde gewesen, denn ich hielt dich für einen ehrlichen Mann, aber du bist ein Schurke." Wüthend griff Diether nach dein Schwerte, aber Breitner hielt ihn die Hand und fuhr fort „Laß stecken; wir reden später davon. Jetzt aber höre; deine Anklage gegen den Juden war eine schändliche Verläumdung; deine Rache wolltest du sättigen und einen ehrlichen Mann in's Unglück stürzen; der Schmuck, den du ihm gegeben zu haben behauptest, befindet sich in ben Händen der fahrenden Dirne aus Welschland, die du täglich besuchest. Du siehst ich bin von Allem unterrichtet und ich wiederhole es: „Du bist ein Schurke." Schäumend vor Wuth rief Diether: „Das soll dir nicht ungestraft hingehen, wir treffen uns." „Wann und wo es dir beliebt," versetzte Breitner kalt. „Morgen auf der Gänsweide." „Gut, Gott wird das Recht schützen." „Um welche Zeit?" „Am Abende vor Sonnenuntergang, so dir es genehm ist." „So sei's." Und die beiden Männer, die noch vor kurzem, als Freunde beisammen gelebt hatten, trennten sich mit dem festen Vorsatze, sich das Schwert durch den Leib zu rennen.