Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 4 Jahrgang = Jahr 5606 (1845)
- Date
- 1845-01-01
- Page
- – (sequence 151)
- Language
- German
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82 Eine alte Stimme. aber uno die Armen in ihrer Mitte übten sie Tirannei und Gewaltthat; die Abgaben suchten sie von sich ab, und auf die Mittelklasse zu werfen, so daß man sie selbst am Hofe verachtete und endlich entfernte, und es schwer ward das Mißtrauen gegen einen Juden bei den Mächtigen zu überwinden. Ueberhaupt aber vermisse ich Gemeingeist und einen über den eigenen Vortheil hinwegschauenden Sinn bei den meisten meiner Glaubensgenossen) statt der Eintracht, die ein solcher Sinn erzeugen würde, gewahre ich nichts als unauslöschliche Zänkereien; statt eines sittlichen Eifers, glühend für die Ehre der Religion und die Wohlfahrt der Zerstreueten und Gedrückten, die nackte Selbstsucht, die, um sich zu bereichern, den Betrug nicht scheuet und nicht die Entweihung des göttlichen Namens. Umgeben von dem bittersten Leid, der Verfolgung, den gewaltsamen Bekehrungen, halten sie Zechgelage, machen Musik, stellen sich wie Nichtjuden, um einen minutenlangen Sonnenblick zu erhaschen. Die reicher: und vornehmen Juden füttern ihre Weisen und Gelehrten mit Brod und Wasser, mit dem Schweiß der Mübsal und mit den Thränen der Kränkung; Bettler und Lehrer ist bei uns gleichbedeutend geworden und kein bemittelter Mann läßt seinen Sohn Lehrer und Rabbiner werden. So wird das Volk großgezogen mit der Verachtung seiner Weisen, und das geringste Handwerk wird der Beschäftigung mit Israels Gesetz vorgezogen. Siehst Du Dich nun in einem Gotteshause um, wo ein Lehrer predigt, dann findest Du die reichen Leute schlafen, die Mittelleute schwatzen, die Knaben auf dem Vorhofe lärmen und sollte es einem Prediger einfallen, ihnen ins Gewissen zu reden, so wird es fast noch ärger. In diesem Punkte könnten wir viel von Denen lernen, in deren Mitte wir leben; allein zum Lernen scheinen wir zu stolz und zu träge ju sein. Darum machen auch so Viele unter uns ein so starkes Geräusch von ihren schwachen Gaben, die sie milde nennen; sie beweinen am Sonntag, was sie am Säbbath gelobt, und lassen die Büchsenvorsteher zehnmahl gehen und zehnmal wiederkommen, ehe sie sich entschließen, ihren Real hineinzuwerfen.