Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 1 = Jahr 5603 (1842-1843) (1842)
- Date
- 1842-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 122)
- Language
- German
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66 Charakteristik Diese Reise war um so verdienstlicher, als bereits 12 Jahre zuvor beide schon dieselben Länder in ihrer ganzen Verwahrlosung kennen gelernt halten. Ein frommes Gefühl zog sie hin nach den Gegenden, von wo die. ächte Gottesverehrung zuerst mit schönem Morgenlichte strahlte, und wo seit Jahrhunderten finstere Barbarei allen vormaligen Glanz der israelitischen Heiligthümer verwischt hat. Sie suchten dort wohl« thuende Anschauungen für ihr religiöses Gemüth und zugleich eine nachhaltige Befriedigung ihrer Mildthätigkeit, da wo die Leidenden so selten sich einer menschenfreundlichen Hülfe erfreuen. Im Mai des Jahres 1827 traten sie die Reise nach Jerusalem an, und im Februar 1828 kehrten sie zurück. Bei Juden und Christen ließen sie in Aegypten und Palästina ein segenreiches Andenken. Mylady Montesiore hat ein Tagebuch von dieser Reise, -jedoch nur für Freunde drucken lassen, ohne solche durch den Buchhandel zu verbreiten, wiewohl viele interessante Bemerkungen darin eine weitere Verbreitung verdienten. Aus demselben setzen wir, ungern die gemüthlichen Schilderungen ihres Besuchs der Pyramiden, so wie anderer Merkwürdigkeiten übergehend, diejenigen Betrachtungen hieher, welche die Charakteristik ihres Sinnes vervollständigen können. Am 17. Oktober hatten sie Jerusalem erreicht. Unterm 18. bemerkt Lady M. Folgendes: „Keine Stadt in der Welt hält in Beziehung auf Theilnahme ei- „nen Vergleich aus mit Jerusalem, — so verfallen, öde und traurig die „Stadt auch erscheint, so verändert sie auch ist seit den Tagen ihres „Glanzes. Die Hauptstädte der alten Welt flößen uns, wenn wir „ihre verfallenen Denkmäler betrachten, Gedanken ein, welche uns weit „in die frühere Geschichte unserS Geschlechts zurückführen, und Gefühle, „welche das Gebiet unsrer Phantasie dadurch erweitern, daß sie Erinnerungen aus der Vorzeit in die wesentliche Gestalt der Dinge, wie sie „jetzt sind, hereinziehen; aber die menschliche Seele besitzt auch die „Kraft, ohne äußerliche HülfSmittel, eben so gut, als wo diese im Ue- „bersiuß da sind, sich alte Begebenheiten lebhaft vorzustellen. Auf der „Ebene von Marathon sind keine marmornen Denksteine, die den Enthusiasmus des Reifenden anregen, aber er vermißt dergleichen nicht; so „ist es immer, sobald ein starkes und bestimmtes Gefühl unsrer sittlichen „Natur in uns lebt; da brauchen wir nur an dem Orte zu sein, wo „große Begebenheiten sich zugetragen haben, und sind solche irgend verbunden mit dem Schicksale zahlreicher Völker, oder mit der Geschichte „der eigenen Religion, sofort empfinden wir eine Ehrfurcht und eine „andachtsvolle Erhebung, ein in jedem Betracht edleres Gefühl, als „das, welches die Pracht oder die Wunder aus alter Zeit in uns erzeu- „gen. Daher ist Jerusalem, obgleich die Heiden mit der Pflugschar „darüber hingezogen, viel ergreifender als Rom, Athen und sogar die „ägyptischen Städte, ungeachtet diese noch viele Denkmäler ihrer ehemaligen Größe besitzen, ja weit mehr als alle andern Orte, welchen die