Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge - dritter Jahrgang 5628 (1867-1868) (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 250 (sequence 285)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2609281-3183021--6951-3183974- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
250 und unsere Kollektion enthält manche sehr charakteristische Anekdote, womit wir den Reigen eröffnen mögen. Die echte, bombenfeste Dummheit, die jeder Urteilskraft entbehrt. und welche ganz direkt zum glücklichen Thierleben führt, ist unter den Juden nicht zu finden. Ihr Tempera, ment ist dafür ebenso wenig geeignet, als der ganze semitische Racencharakter, abgesehen davon, daß man in der Leidensschule die Dummheit nicht leicht erziehet. Unter den Qualen der Folter wird man wahnsinnig, resignirt, aber nicht glückselig dumm. Dennoch sind Beispiele treuherziger Einfalt namentlich in Sachen des religiösen Glaubens unter den Juden sehr häufig, und erregt die Liebenswürdigkeit der Naivetät in gleichem Grade unser beifälliges Lächeln wie unsere Rührung. Zwei Hausirer werden von Straßenräubern überfallen und durch die Dazwischenkunft zweier Hunde gerettet. „Ach Hirsch," sagt Schlomo, „weißt du Wohl, wer die beiden Hunde waren. Der Eine ist mein Vater selig, der andere der Deinige; ihre Tugenden werden uns angerechnet." Die Chaffidäer nennen ihren Rabbi nie mit Namen, sondern bezeichnen wie die Schüler des Pytagoras den Meister nur jdurch „Er," vergessen aber nie hinzuzufügen: „soll leben." — Man spricht in chaffidischen Kreisen, daß „Er, soll leben, beim Speisen sitze. Er, soll leben, abreise, Er, soll leben, schlafe", und weinend erzählt es Einer dem Andern „Er, soll leben, ist gestorben." Zur Zeit der Aufklärungsperiode versucht es ein Bonvivant sich allmählich vom Zeremonialgesetz loszumachen und