Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge - dritter Jahrgang 5628 (1867-1868) (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 150)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2609281-3183021--6816-3183839- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 115 — bestimmte aber ihr Benehmen gegen die Schwiegertochter. So lange sie noch hoffen konnte, mit Energie und Entschiedenheit ihren Willen durchzusetzen und die Schwiegertochter nöthigenfalls zu zwingen, wenn sie in Güte nichts ausrichten sollte, so lange bewahrte sie gegen dieselbe zwar nicht mehr die frühere mütterliche Zärtlichkeit, wohl aber die ganze mütterliche Liebe. Sie zeigte ihre Liebe nicht so offen, wie am Tage, da sie die Braut des Sohnes in ihre Arme schloß, aber sie bewahrte ihr nichts desto weniger ihre volle Liebe im Herzen, und mit Ungeduld wartete sie nur noch auf den Augenblick, da das Haar abgeschnitten und die sie von der Schwiegertochter , trennende Schranke gefallen sein werde. Dann wollte sie derselben ihre ganze Liebe erst voll und warm zu kosten geben. Diese Erwartung hatte jetzt aber ausgehört. Mit dem gegebenen Versprechen war diese Hoffnung zu Nichte geworden; ihr blieb nur noch die Kunst der Ueberredung, das schlichte Wort. Das Wort aber erstarb ihr auf der Lippe; sie konnte es nicht finden. Sie hätte sprechen können, eindringlich sprechen können und gewiß sie hätte denganzen Schatz ihrer Ueberredungskunst aufgeboten, ehe sie zur Gewalt geschritten wäre, wie — wenn sie sich nur dessen bewußt gewesen wäre, daß ihr die Anwendung der „ Gewalt als letztes Mittel im Hinterhalte blieb. Da ihr dieß Bewußtsein geraubt war, so verlor sie auch die Kraft der Rede und den Eifer der Ermahnung und zwar aus dem Grunde, weil sie sich jetzt von ihrem Worte nichts mehr versprach. Ihr Wort, das fühlte sie, würde sich Geltung haben verschaffen können, wenn die Schwieger- 8*