Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge - dritter Jahrgang 5628 (1867-1868) (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 149)
- Language
- German
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- 114 — erlangte Einsicht, sondern aus Gewohnheit, daher kannte sie auch keine andere Grenze des Erlaubten und Unerlaubten, als diejenige, an die sie aus langer Uebung sich gewöhnt hatte. Sie konnte gar nicht begreifen, wie es möglich sei, daß ein Anderer anders empfinde, denke und handle, als sie es that. Nun trat ihr dieser Fall entgegen. Was sie bisher nicht geahnt hatte, das war jetzt' Wirklichkeit geworden, das stand ihr als handgreifliche Thatsache gegenüber. Würde sie der Regung ihres Herzens unbedingt haben folgen können, so hätte jetzt ihre Frömmigkeit gewiß in Fanatismus ausgeartet, denn die fromme Frau hätte es sicher für ein gutes, edles und gottgefälliges Werk angesehen, eine solche Frevelthat, wie sie ihr da frech gegenüberstand, durch welche Mittel immer, auszurotten. Gewiß hätte die Schere gesiegt, wenn sich das Wort als unzureichend erwiesen hätte. Nun war aber dieses energische Auskunftsmittel abgeschnitten, sie mußte auf jede gewaltthätige Maßregel verzichten, denn sie hatte versprochen, ihrem Sohne versprochen, keine Art von Gewalt anzuwenden. Man braucht nicht zu befürchten, daß sie ihr Versprechen nicht halten werde. Das gesprochene Wort war ihr heilig; sie hielt fest an dem Spruche: WaSaus deinem Munde hervorgegangen, das sollst du bewahren. Sie war fanatisch, aber keineswegs unehrenhaft, sie mochte bereuen, unvorsichtiger Weise das Wort gesprochen zu haben und von ihrem Sohne in einem schwachen Augenblick überrumpelt worden zu sein, aber sie war nicht fähig, eine Sünde durch eine andere Sünde auszurotten. Dieser Zwang, den sie sich somit auferlegt hatte,