Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge - dritter Jahrgang 5628 (1867-1868) (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 29 (sequence 64)
- Language
- German
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29 So du aber fragen wolltest: Warum'läßt denn Gott Menschen arm sein? Warum sind nicht alle gleich reich und voneinander unabhängig? Aber sage mir: Wo hätten dann die Menschen Gelegenheit, Mittel und Wege, Barmherzigkeit zu üben? Was würde aber aus dem Menschengeschlechts werden, so es nicht die Tugend der Milde und Barmherzigkeit ausüben könnte? Sei darum milde, schenke, leihe deinem Nebenmenschen, spekulire nicht auf sein Haus, sein Feld oder seinen Weinberg, um sie durch Wucher an dich zu reißen. Erpresse von ihm keinen Wucher, der dem Biß giftiger Schlangen gleich — Anspielung auf das Wurzelwort von Neschech, das beißen bedeutet — nicht augenblicklich, sondern später erst ausbricht in Beulen und Geschwüre, die den ganzen Körper vergiften. Pfände Niemanden unbarmherzig; denn auch ich, Gott, hätte ein Recht dich, o Mensch, zu pfänden. Denn wo gibt es einen Menschen, an dem ich keine Schuld zu fordern und der nicht gesündigt hätte? Gib jedem Arbeiter und Taglöhner zur Zeit und Stunde den verdienten Lohn und gleiche nicht jenem Eseltreiber, der sich an den Rücken ein Bündel Heu bindend und damit den Esel, der ihm folgte, den ganzen Tag müde lockte; als er endlich Abends heim kam und das arme Thier in den Stall ging, das Futter in solche Höhe gelegt, daß das arme Thier nicht danach langen konnte. Gottloser, Grausamer, rief man ihm zu! den ganzen Tag locktest du mit der Speise das arme, hungernde Thier und am Ende zeigst du ihm die Speise, aber gibst sie ihm nicht! Verfährst nicht du also mit dem armen Taglöhner,