Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge - dritter Jahrgang 5628 (1867-1868) (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 37)
- Language
- German
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2 durchgehends die poetische, wodurch zwar der Gedanke an Gefälligkeit, Schönheit und Blitzartigkeit gewinnen, aber an seiner Originalität und ursprünglicher Anwendung verlieren mußte, indem die einzelnen Gedanken und Reflexionen aus ihrer ursprünglichen Szenerie und Umgebung hinausgerissen und als Bruchstücke dargestellt wurden. Denn wir wissen es heute mit aller Gewißheit, daß der ganze Midrasch nichts anderes als Materialien, Dispositionen, Notizen und Gerippe wirklich gehaltener gottesdienstlicher Vorträge enthalte. Alle diese Gerippe aber waren einmal lebendige Wesen mit Fleisch und Blut, gegliederte Reden, die von begeisterten Lippen flößen, und in glaubenswarme Herzen drangen. Und wenn auch die nur bruchstückweise ausgewählten oder besser herausgegriffenen Gedanken heute noch ansprechen, belehren und entzücken, so zeigt dieß allerdings von dem ewig gültigen ethischen Gehalt dieser Vorträge und liefert uns den besten Beweis, daß sie ursprünglich mehr als leere Phrasen und schön gedrechselte Wortspiele waren; aber sie bieten uns kein rechtes Bild, keine klare Anschauung von der. ursprünglichen sprachlichen Fassung, rhetorischen Behandlung und ästhetischen Form dieser Vorträge im Großen und Ganzen. Unseres Wissens hat eö noch Niemand versucht, aus der Ungeheuern Masse dieser Vorträge einige in ihrer ursprünglichen Gestalt zu reproduziren, und so zu sagen, den Redner in seinem leibhaftigen Wesen vorzuführen. Freilich ist in den meisten Midrasch-Werken der Weg dazu verrammelt, indem sie mehr den Ruinen großer Städte gleichen, wo man nur mit schwerer Mühe Umrisse, Konturen oder gar