Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge - zweiter Jahrgang 5627 (1866-1867) (1867)
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 246)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2609281-3183019--6599-3183621- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
, — ,142; — . . ' greifen, alle Betrachtung und Erfahrung, das ganze geistige wie leibliche Leben, der Mensch, die Nationalität, der Staat wie sein Polizeiwesen, das Speisen und Trinken und Kleiden und jede Funktion des äußeren wie inneren Menschen ist nichts als Kultus, nichts als Erscheinung der re--, ligiösen Idee, und der Bruch an der Letzten und Aeußersten der Folgerungen ist ein Verrath an dem obersten Grundsätze. Der Religion gleichgiltige Handlungen kennt das Äudenthum nicht; wo man ist und weilt, wo man geht und wandelt, steht man unter dem stets wachen und richtenden Blicke der Religion. Daß es nicht nur ein jüdisches Meinen und Fühlen, sondern auch einen jüdischen Staat, eine jüdische Sanität, eine jüdische Rechtsadministration, ja ein jüdisches Essen und Trinken gebe, ist wohl allgemein bekannt. Aber daß das jüdische Religionsgesetz Verordnungen habe, wie man zu Bette gehen und sich wieder erheben, wie man die Schuhriemen lösen und wieder knüpfen solle, daß es den Juden selbst weit über die äußersten Grenzen des geistigen Lebens hinausbegleitet und auch drüben noch die Religion zur Geltung bringt, weiß ein Jeder, der einen Blick in unsere Kodexe gethan hat. Gelehrige Jünger belauschten ihre Meister an Orten und bei Verrichtungen, die in der Regel keine Zeugen dulden, und darüber zur Rede gestellt, sagten sie ganz unbefangen: „Auch das gehört zur Thora, und es muß gelernt werden." Wer wundert sich nun darüber, daß ein Volk, an dem jeder Zoll seines Daseins ein Stück Religion ist, das nicht zu räuspern und zu spucken wagt, ohne der Beziehungen zur religiösen Idee eingedenk zu sein, daß ein solches Volk der übrigen Welt zum unheimlichen Räthsel wurde, dessen Bedürfnisse nicht verstanden, dessen geisterhaftes Treiben ein Zauberspuck erschien, dessen innere Kämpfe das Ansehen hatten, als ob Gespenster in einer Sackgasse