Mannheim
Compact Memory

Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1867-01-01 · Zweite Folge - zweiter Jahrgang 5627 (1866-1867) (1867) · p. Seite 111

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
Zweite Folge - zweiter Jahrgang 5627 (1866-1867) (1867)
Date
1867-01-01
Page
Seite 111 (sequence 215)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2609281-3183019--6568-3183590
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 111 — zu regieren. Mit der Lust hier eine Heimat zu gründen und mit dem Gefühle der Fremde und der Unzuständigkeit. Er ahnt das Dasein eines Gottes, aus dem er geflossen, er sucht dem Geiste sich zu nähern, ihm sich zu verbinden — aber die Erde unter ihm löst sich in lauter Gewürme auf, die Luft über ihm zerfließet in Sauerstoff und Stickstoff, sein Leib ist ein System von Zellengeweben, den Geist selber findet er nirgends als in seiner Ahnung und im Reich der Träume, die ihm seine Phantasie eine treue Penelope unter dem goldenen Lichte der Poesie immer webt, um sie in der eiskalten Nacht des Verstandes wieder auszufasern. Trauriges Vernunftleben das, welches dem Menschen die Mitte zwischen Gott und Thier angewiesen hat, und ihn zu Gott nicht hinauf, zum Thier nicht hinunterreichen läßt. Wie ganz anders lebt sich's unter dem Bescht! da gibts nicht Zeit und Raum, nicht Zahl und Ziffer, nicht Staub und Gas , nicht Leid und Weh. Da ist die Ziffer selber eine wunderthätige Kraft, jeder Buchstabe ist ein zum Laute gewordener Engel, jedes Gebirge ist eine verwunschene Armee, die der Erlösung harret, jede Rose eine verzauberte Prinzessin. Alles ist Geist und keines ist Stofs, Alles denkt und lebt und spricht jegliches in seiner Sprache. Der Vogel zwitschert Weisheit, die Blätter am Baume rauschen Geheimnisse und jeder Bach plätschert Gottesdienst. Wo Ihr nichts als Gerölle sehet, da sind gefrorne Poesien, die der Bescht flüssig machen kann, der Felsblock ist ein versteinertes Gedicht, der Wolf ein vierfüssiges Epigramm und der Adler ist eine fliegende Hymne. Träume sind Schöpfungsprozesse, Seuchen sind nur Geburtswehen, die eine neue Welt verkünden, Schmerzensstunden sind Andachtsentzückung, Unglück ist Gebet in Form

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.