Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge, erster Jahrgang 5626 (1865-1866) (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 268 (sequence 338)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2609281-3183017--6349-3183370- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
S68 „Mutter," rief sie, „ich weiß, was ich thue. Es ist mir nichts anderes eingefallen, womit ich den Gast ehren könnte für sein feines Wort!" Darauf ward es erst mäuschenstill in der Stube; dann rief Leser Kollin, während das sonnigste Lachen seine Züge überstrahlte. „Recht hast Du gehabt, Deborah mein Kind! Du brauchst Dich dafür nicht zu entschuldigen. Du sollst gesegnet sein vor allen meinen Kindern!" - Was der fremde Gast that? Er verzehrte still schweigend das ihm dargebotene Kopfstück des Fisches, und blieb auch für die übrige Zeit des Abends still und einsylbig. Aber tief in seinem Innern tönten gewaltige Stimmen durcheinander, dort brauste eine Sprache, gegen die das Toben des Meeres leises Gelispel ist, die Sprache einer mit der Gewalt eines Sturmes über ihn herein gebrochenen, nicht mehr zu unterdrückenden Leidenschaft! Zn Mittag am nächsten Sabbat stellte sich der fremde Gast in der Wohnung seines Kostherrn wieder an, Er sah blaß und abgespannt aus, wovon die vergangene Nacht, während welcher er kein Auge geschlossen, Mancherlei hätte erzählen können. „Fehlt Euch was, mein lieber Gast?" fragte die Frau Leser Kollins, „Ihr seht heute anders aus, als Ihr gestern ausgesehen habt." „Mir fehlt gar nichts," gab er hastig zur Antwort, „mir ist ganz gut zu Muthe." .Dabei streifte sein Auge flüchtig wie der Blitz die unfern von ihm stehende Deborah.