Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge, erster Jahrgang 5626 (1865-1866) (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 267 (sequence 337)
- Language
- German
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— L67 — „Jetzt, Deborah!" rief Leser Kollin, „bringe Deine Fische!" Noch in einer späten, sehr späten Zeit, und was das bedeuten will, werden nur diejenigen wissen, die den acht und achtzigjährigen Greis kannten, erzählte der Großvater die Scene, die sich nun ereignete. Deborah trug die Schüssel, woraus die Fische lagen. Sie stellte sie gerade vor ihren Vater hin; doch ehe dieser noch zugreifen konnte, hatte sie den Teller des jungen Rabbiners mit einer heftigen und dabei doch anmuthigen Bewegung ergriffen, und darauf das größte und gewaltigste Stück, das Kopfstück des in der Pfeffertunke schwimmenden Karpfen, geschoben, Worin die Größe dieser That lag? Lieber Leser! Wenn Du so fragst, so verräthst Du eine gefährliche Unwissenheit indergleichen Angelegenheiten. Das Kopfstück des Karpfen wird alseine Art Huldigung betrachtet, womit man dem vornehmsten der Gäste am Tische Ehre anthnt. Das ist aber in erster Linie der Hausvater selbst; das Kopfstück ist sein Antheil, der Tribut, den man seinem Ansehen schuldet, und wenn es an einem andern abgetreten wird, so wird damit nur eingeräumt, daß noch ein Höherer sich am Tische befindet, dem eine gleiche Huldigung gebührt. Diese Regel wurde in „alten" Zeiten wie ein unverbrüchliches Gesetz gehalten. Darum auch schrie Leser Kollin's Frau, als sie diesen Bruch eines gegen alle Sitte und Schicklichkeit verstoßenden Gebrauchs gewahrte, mehr erschrocken als zornig: „Deborah! was stellst Du an? Das gehört ja für Deinen Vater!" Das Mädchen richtete sich aber hoch und höher auf, und war gar lieblich anzusehen, wie sie neben dem Stuhle des jungen Rabbiners stand, und noch lieblicher klang die Antwort, die sie, flammendroth im Angesichte, der Mutter gab.