Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge, erster Jahrgang 5626 (1865-1866) (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 236 (sequence 306)
- Language
- German
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236 mer war ein weitläufiges Gemach, die Kranke lag in fast sitzender Stellung, von den Polstern unterstützt, im Bette, weil ihr der Husten eine horizontale Lage nicht gestattete. So saß sie mit halbgeschlossenen Augen, die Lippen bewegend , wie ein Gebet murmelnd. Die unter Schirm brennende Lampe verbreitete ein ungewisses Licht übers ganze Zimmer. Das Schoßhündchen — ein feistes Bologneserchen — lag zu ihren Füßen, die Augen auf die Kranke geheftet und winselte unheimlich. Die Gesellschafterin näherte sich ihr, und meldete ihr leise meine Ankunft. Bei diesen Worten machte sie eine Anstrengung, um sich in die Höhe zu richten und rief: „Seien Sie mir willkommen, Doktor" und zwar in deutscher Sprache, da wir sonst russisch mit einander verkehrten; „Sie erzeigen mir hoffentlich noch den letzten Dienst, Doktor, können Sie nicht vor Allem das Sterbegebet (Widduj) mit mir sagen." Ganz verdutzt durch diese plötzliche Zumuthung, sagte ich dennoch mich bald fassend: „Recht gerne, Frau Generalin" und machte Anstalten ihrem Verlangen zu entsprechen. Ich nahm Platz auf einem Sessel neben ihrem Bette, setzte den Hut auf, und fing mit vernehmlicher Stimme an, ihr das Sterbegebet in hebräischer Sprache vor zu recitiren, sie sprach es mit fester, zerknirschter, von häufigem Schluchzen unterbrochener Stimme nach, wobei sie sich mit der rechten zusammengeballten Faust in. die Brust schlug. Sie fiel erschöpft auf das Lager zurück, und Todtenblässe bedeckte ihr noch immer schönes Antlitz, und sie sah beinahe wie verklärt aus. Während dieser ganzen Scene stand die Gesellschaftsdame und eine ältliche Kammerfrau am Fuße des Bettes und schauten verblüfft diesem räthselhaften Gebühren zu. Drau-