Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge, erster Jahrgang 5626 (1865-1866) (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 174 (sequence 244)
- Language
- German
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174 Zuflucht zu dem konkreten und greifbaren Theile der geoffenbarten Religion genommen. Daß dieses Gesetz, diese Vorschrift, der stets begehrte sichtbare Vertreter Gottes sei, ward von der Menge bald dahin mißverstanden, daß dem Buchstabenkultus, der Verehrung des Wortes Thür und Thor geöffnet werden müsse. Das Werk selber, nicht der Geist, aus dem es stammt, ward zum Zaddik, der entsühnt, die äußere Handlung ward derRebben, dessen Schutz man anflehet, die Zeremonie ward zur Wunderthäterin und die Kenntniß des Paragrafs ersetzte das etische Bewußtsein. Es begann jene Herrschaft der Formel, unter der alle Religiosität zu Bräuchen, Uebungen, Satzungen erstarrte, da man mit Dochten ohne Flammen, mit Knochengerüsten ohne Fleisch und pulsirendes Blut sich begnügte, die Maßregel zum Selbstzwecke, das Sinnbild zum Wesen, die äußere Handlung zur Gesinnung erhob, und in der werktätigen Vollziehung der Gebote, die Abfindungssumme ersah, womit man allen Tribut an das höhere Menschthum abzutragen vermeinte. Dagegen mußten in gleicher Weise der denkende Geist wie das poesiebedürftige Gemüth reagiren, und trat jener erst später mit seinen Forderungen durch die rationalistischen Aufklürungstheorien in Deutschland hervor, so fand dieses schon früher in der etwas zurückgebliebenen polnisch-jüdischen Bevölkerung Erhörung und suchte sich Ausdruck in dem Systeme, das man heute Chassidüismus nennt, und welches im Grunde nur eine andere und wie man nicht läugnen kann, etwas belebtere Form einer Entartung ist, die dem Judenthume von worneherein Hütte fremd bleiben sollen. Daß der Chassi-