Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge, erster Jahrgang 5626 (1865-1866) (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 243)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2609281-3183017--6254-3183275- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
173 Wirken und der Glaube und die Anhänglichkeit an ihn macht selig. Dieses Streben, sich einen Mittler zwischen Gott und Menschen aufzustellen, ist aber bei allem Mystizismus, der auch dabei seine Hand im Spiele hat, in den letzten Gründen nichts als die Bequemlichkeitssucht, die nach einem Sündenbocke sucht, dem man alle Verantwortung für die Handlungen seiner Verehrer aufbürden möchte, ist nichts als die oben bezeichnet«: Scheu vor geistiger und moralischer Arbeit und Selbstthätigkeit. Das Judenthum aber, das mit dem großen Gedanken auftrat: „Du sollst dirkein Bild und keine sichtbare Gestalt von der Gottheit machen," das mit aller Schärfe es hervorhebt, daß Gott ein eifervolles Wesen sei, das seine Ehre mit keinem andern theile, hat über die Vertretung Gottes auf Erden ganz andere Ansichten. Nach den Lehren dieses Judenthumes hat Gott sein heiliges Wort, seine erhabene Thora als seinen Boten und Mandatar unter die Menschen gesendet, sein Gesetz ist einzig und allein der wahrnehmbare Vertreter der Gottheit, der Mensch der eigene Priester, das Volk selber das Reich von Priestern, die in Kraft eigenen Denkens und starken gottgefälligen Wollens sich erheben, entsühnen und ihr Schicksal im Wege der Naturgesetze, die ebenfalls Offenbarungen Gottes sind, sich selber bereiten. Aber um ein echter und rechter Jude in diesem Sinne zu sein, dazu gehört mehr als passiver Gehorsam und trüge Gläubigkeit, dazu gehört ein stets reger lebendiger Geist, ein warmes aber doch nüchternes Herz, eine Uebung und Geläufigkeit im Umgänge mit dem Ideale, die auch nicht jedermann's Sache ist. Der große Haufen hat darum von jeher seine