Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge, erster Jahrgang 5626 (1865-1866) (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 105 (sequence 175)
- Language
- German
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105 Historisch betrachtet ist Judenthum und Judenheil untrennbar; denn die Aufgabe der Geschichte ist es nicht, Ideen zu konstruiren, sondern äußere Erscheinungen, mit ihren Besonderheiten und Zufälligkeiten zu schildern, dem Philosophen und Theologen das Material zu liefern, um in kritischer Weise das Wesentliche herauszufinden, das Nebensächliche abzuscheiden. Abgesehen von den Folgerungen für die sonst s. g. Emancipation, welche schließlich doch nur auf dem Gebiete des Rechtes bei der vollständigen Trennung von Staat und Kirche im Rechtsstaat zum Austrag kommen wird, mag jeder Einzelne als Mensch und Bürger seine gegenwärtigen Beziehungen zum Judenthum enger oder weiter fassen: der Historiker und Literarhistoriker darf sich an die bisher herrschende Anschauung halten, daß die Juden schon vermöge ihrer Geburt ein zusammenhängendes Ganzes bilden, wenn auch die Bezeichnung „Nation" im gewöhnlichen Sinne nicht mehr paßt nachdem Sprache und Vaterland, Gesetz und Sitte gewaltige Unterschiede'hervorgerufen. Er darf also die Literatur der Juden zusawmenfassen, so weit er es vermag. Es wird freilich immer schwerer, zu erkennen, welche Schriftsteller auf allen möglichen Gebieten Juden sind, weil die Beziehungen zur Religion und Abstammung immer mehr zurücktreten, weil das theologische Netz, welches früher die Literatur umspannte, zerrissen ist, weil die früher sogenannte profane Wissenschaft nicht mehr für die herrschende heilige den Dienst der „Köchinnen und Bäckerinnen" (I.Sam. 8, 13) verrichtet — wie selbst Maimonides seine umfassenden Studien bezeichnet. Allein bis zu einem gewissen Maße gewahren wir Aehnliches schon im letzten Jahrtausend, seitdem nemlich das, Alles umfassende, meist aus mündlicher Lehre und Ueberlieferung entstandene Sammelschriftthum des