Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge, erster Jahrgang 5626 (1865-1866) (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 125)
- Language
- German
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besitzen, in den mannigfaltigen Abstufungen der Verschiedenheit in den einzelnen Provinzen so schnell hintereinander zu sehen, daß der frühere Eindruck noch völlig frisch war, wenn ich den zweiten empfing; und noch mehr wird dies bei der Reise durch das mittägliche Spanien der Fall sein. Ungeachtet meines kurzen Aufenthaltes in Spanien (denn ich glaube nicht, daß diese Kürze die Ursache davon ist) habe ich die Spanier sehr lieb gewonnen. Man könnte sie vielleicht die Deutschen des Südens nennen; wenigstens ist mir die Mischung mittäglicher Lebhaftigkeit mit nordischer Bedachtsamseit, Offenheit und selbst Gründlichkeit im Studiren und Arbeiten als das am meisten Auffallende in ihrem Charakter erschienen. Freilich aber habe ich auch bis jetzt nur die Kastilianer gesehen, und auf sie muß diese Charakteristik natürlich mehr passen, als auf den heftigen Andalusier und den verschlagenen Valeneianer. Denn auch das ist eine Eigenthümlichkeit Spaniens, die ich wenigstens nicht in Deutschland in gleichem Grade, und gar nicht in Frankreich fand, daß der Nationialcharakter der verschiedenen Provinzen auffallend verschieden ist und daß sie sich unter einander, wenn nicht hassen, doch wenigstens verachten. In jeder Provinz wird dem Fremden mehr oder minder deutlich zu verstehen gegeben, daß er Menschen wie hier nicht leicht in der angrenzenden Provinz finden würde. In einer Stadt in Biscaya redete mich ein ganz unbekannter Mensch auf der Straße ausdrücklich an, um mich zu fragen, wie mir die Biscayer gefielen, und als ich sie lobte, setzte er hinzu: „in Kastilien werden Sie es nicht so finden"; — und int Theater in Madrid, als das Volk in einem sehr empfindsamen Stück oft lachte, sagte mir ein Andalusier, der neben mir saß: „die Barbaren, wenn Sie das Publikum in meiner Stadt, in Cadiz sähen!" —