Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge, erster Jahrgang 5626 (1865-1866) (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 78)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2609281-3183017--6089-3183110- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
8 100 Jahre nach seinem Aufkommen, den Standpunkt der Naivität, des unbewußten Glaubens verlassen und den naturgemäßen Versuch gemacht, ihr Recht, der Lehre Mosis, die sie doch nun einmal als göttlich anerkannten, zu widersprechen, wissenschaftlich und philosophisch zu begründen. Selbstverständlich suchte man in der Schrift selbst diese Begründung, und wurde der Kampf auf dem Felde der Exegese, der Schrifterklärung, gerade so gut geführt, wie auf dem Gebiete der Philosophie. Saadias nun war nicht der Mann, alle diese Erscheinungen der Zeit zu ignoriren. Er sah in diesen Erscheinungen nicht etwas für ihn Gleichgiltiges, vielmehr fühlte er den Beruf, sich mit diesen Erscheinungen auseinanderzusetzen. Mit einer Ruhe, die den ernsten Denker verräth, der nicht den Streit sucht, sondern die Wahrheit, geht er aus die Meinungen aller Gegner ein und widerlegt sie ohne Leidenschaft, trocken, logisch. Aber nicht die Widerlegung war sein Ziel. Er gehört zu den positiven Geistern, die bauen wollen und nach dem Bilde der Schrift das Schwert nur in der Linken halten, um erforderlichen Falles auch zu kämpfen. Daß gebaut werden mußte, das sah er ein. Er war entfernt von dem Gedanken, der Wissenschaft das Recht abzusprechen, in Sachen des Glaubens mitzureden. Vielmehr war er selbst im ernineMen Sinne des Wortes ein Mann der Wissenschaft. „Wir müssen forschen, um das zu erkennen, was wir durch die Propheten blos auf dem Wege der Mittheilung wissen," das war seine Devise. Und er forscht in der That mit einer Umständlichkeit und Genauigkeit, die auch das Kleinste und Einzelnste nicht verschmäht. So erklären sich bei ihm Thätigkeiten und Leistungen, die heutzutage nur getrennt angetroffen werden. Selten pflegt ein Lexikograph heutzutage