Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge, erster Jahrgang 5626 (1865-1866) (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 73)
- Language
- German
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3 sicht können wir keine Größe der vergangenen Zeit richtig schätzen. Ohne diesen Maßstab verkennen wir nicht blos den babylonischen Gaon Saadias, ohne diesen Maßstab verstehen wir selbst Mendelssohn nicht mehr, von dem uns doch nur ein Jahrhundert trennt und dessen Leistungen, wie sie in vielfacher Beziehung Berührungs- und Vergleichungspunkte mit denen des Saadias bieten, so auch in der Beziehung ihnen gleichen, daß sie für eine anders geartete Generation den imponirenden Charakter verloren haben, den sie einst hatten. Saadias' Auftreten war epochemachend in der jüdischen Literatur. Zwar waren auch seine Vorgänger im Gaonat — so hieß nämlich die Rektorwürde in den babylonischen Akademien und die Rektoren selbst sind unter dem Namen Gaonim bekannt — zwar, sagen wir, waren auch seine Vorgänger zum Theil Männer, deren Leistungen in der jüdischen Gelehrtenwelt bis auf die heutige Zeit auf's höchste geschätzt werden. Aber nicht blos war ihre Thätigkeit auf das talmudische Gebiet beschränkt, sondern auch auf diesem ihrem eigensten Gebiete konnten sie nur ordnend, erklärend, sammelnd sich verhalten. Zu einer eigentlich großen und im strengsten Wortverstande selbstständigen Produktion konnten sie es bei dem vorliegenden unermeßlichen Stoff, den sie zu bewältigen hatten, nicht bringen. Saadias' Leben aber fällt in eine Zeit, die es ihm unmöglich machte, nur in den ihm von den früheren Gaonim vorgezeichneten Bahnen weiter zu wandeln. An die Vergangenheit ruhig sich anzuschließen, den Faden da weiter zu spinnen, wo ihn ein edler Vorgänger hat fallen lassen, den Weg zu gehen, den man nicht gefunden, sondern vor gefunden, das ist nur denen pergönnt, die in einer Zeit leben, welche ohne Gewaltsamkeit stetig aus der vorangehenden sich entwickelt hat, 1*