Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge, erster Jahrgang 5626 (1865-1866) (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite XII (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2609281-3183017--6049-3183070- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XII Mittlerweile begannen die Juden anderwärts ernstlich um die Anerkennung ihrer Menschenrechte zu ringen. Niesser trat mit aller Macht auf, um das Bewußtsein in dieser Beziehung zu kräftigen, Thatsachen und Ansichten durchkreuzten sich, eigene Zeitungsorgane entstanden, welche die Ereignisse, Wünsche, Entwürfe, Angriffe und Abwehr zum Ausdrucke brachten, und durch Veröffentlichung die Meinung und das Urtheil darüber wach riefen, und die Sehnsucht nach ähnlichen Organen ward auch in Oesterreich rege. — Aber es war keine Aussicht vorhanden sie zu befriedigen. Waren doch auch die andern Journale alle blos gedruckte Heimlichthuerei und öffentliche Verschwiegenheit über alles, was zu wissen Noth that. Wie hätte man da die Konzession zu einem jüdischen Organ erwarten können, das den Leibzoll, womit Gedanken belegt waren, umgehen dürfte. Die Juden ersparten sich darum die Druckkosten und schwiegen — ohne Pränumerationsgebühren zu zahlen. Hatte ein langverhaltener Seufzer sich dennoch aus der Brust gerungen, so mußte.er in^s Ausland flüchten, und wer die Klänge der Heimat vernehmen wollte, konnte nichts Klügeres thun, als sie aus der Fremde zu sich herüber klingen zu lassen. So war eine Judenschuft, die über eine Million Seelen zählt, darauf hingewiesen, sich durch einen Lückenbüßer in einem ausländischen Journale vertreten zu lassen. Der Jmporthandel Oesterreichs wurde zwar dadurch um ein Geringes vermehrt, aber die Selbstständigkeit des Urtheils verlor dadurch um ein Beträchtliches. Endlich nach fast zehnjährigem Stillstände ließ sich Mutter Zensur bewegen, den Wiener jüdischen Alm an ach zum zweiten Male zu gebären.