Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge, erster Jahrgang 5626 (1865-1866) (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite XI (sequence 37)
- Language
- German
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XI geistigen Entwickelung. Indessen waren es doch nur „die Gerüchen," die man gesammelt, der eigentliche Nerv des Judenthums, das wissenschaftliche Bewußtsein, war nicht wieder belebt worden, und kam in Wien nie zum Durchbruch. Die ästhetische Synagoge kam zwar zu Stande, und wir verkennen das Ersprießliche nicht, das sie geleistet; aber in Rücksicht auf den Geist, aus dem doch Leben und Wachsthum stammt, war man sogar hinter die vormendelssohn'sche Zeit zurückgcgangen. Man schuf sich den neuen Begriff der Seelsorge und des geistlichen Amtes, verwarf alles Gelehrtenthum, als ein unpraktisches und störendes, zog sich dadurch selber die Schranken, über die hinaus man sich nicht entfalten wollte, schnitt sich von . allem geistigen Verkehre mit dem weiterstrebenden Geistern in Deutschland ab, und da die Männer der Wissenschaft hier keinen bleibenden Sitz finden konnten, und höchstens als fahrende Gestalten und Transitoerscheinungeu vorkamen, so ging die letzte Spur einer Gönner- oder Kennerschaft für jüdische Literatur und inneres, höheres Judenthum hier unter. Jüdische Gelehrte konnten nur als Schützlinge der Bettelvogtei Unterstützung finden, und daö Armutszeugniß des Verfassers war seines Buches wärmster Kreditbrief. Während im Auslande ein Geiger, Zunz, Frankel, Holdheim, Hirsch sammt Anhängern und Jüngern die Judenheit mit ihren Schriften belebten, fehlte in Oesterreich jede solche Anregung und konnte unter dem damaligen Censurverhältniß an das einzige Mittel zur Wiederbelebung, an eine Zeitung für jüdische Interessen nicht einmal gedacht werden.