Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 6 (6.1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2425321-3181720-3181726--1172-3182969- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
er zu ihnen: „Den Wein habt Ihr getrunken, stellt wenigstens das Faß an seinen Platz zunick". Ebenso hatten Josephs Brüder diesen aus Sichem gestohlen und verkauft, und als er sein Ende herannahen fühlte, beschwor er sie, indem er sprach: „Ich habe eine Bitte an Euch meine Brüder. Aus Siche-si habt ihr mich, den Lebenden, gestohlen; bringt wenigstens meinen Leichnam nach Sichem zurück!" wie es ja auch heißt: „Und die Gebeine Josephs, die die Kinder Israels aus Mizrajim heraufgebracht hatten, begruben sie in Sichem. (Jos.24,32.) Aussprache Jüdische Geschichte Die Beschäftigung mit der Vergangenheit unseres Volkes liegt uns naturgemäß sehr nahe und wird von vielen unter uns als Pflicht empfunden. Aber dabei besteht die Gefahr, daß wir Geschichte nur nach Jahreszahlen und Geschehnissen lernen und in doppelter Hinsicht der Ausgabe nicht gerecht werden, die für nnS diese Beschäftigung bedeutet. Die Vergangenheit unseres Volkes hat uns viel Wichtiges zu sagen: sie soll uns dabei helfen, uns als Gliedern dieses Volkes unfern Platz und unsere Aufgabe für die Zukunft zu zeigen. Bei dem Versuch, Geschichte lebendig und fruchtbar darzustellen, müssen wir vor allem erst einmal vergessen, daß die Geschichte aus dem besteht, was „geschehen ist", beinahe persönlich müssen wir uns einmal in die Verhältnisse und Umgebungen der verschiedenen Zeitabschnitte versetzen, muffen erst die Fragen, Sorgen und Hoffnungen der Menschen, die damals lebten, wieder als Fragen, Sorgen und Hoffnungen empfinden und wir müssen uns einmal fragen, wie wir uns in der gleichen Lage entschieden hätten, z. B. als Pharisäer, Sadduzäer und Essäer oder Hellenisten und Makkabäer oder wie aO Juden der Spanischen Epoche. EL kommt darauf an, die bereits längst entschiedenen Tatsachen noch einmal als Entscheidungen zu erleben und sich vor sie gestellt zu sehen, als hinge der Ausgang von uns ab. Jeder einzelne Mensch und in verstärktem Maße jedes Volk braucht als LebenSnotwendigkeit ein ganz bestimmtes Zentrum, auf das seine Gefühle und Gedanken sich „konzentrieren". Es ist eine schöne Aufgabe, einmal unsere jüdische .Geschichte auf diese Zentren hin zu prüfen und zu sehen, unter welchen Formen der Lebensinhalt des Volkes zum Ausdruck gekommen ist. Zur Zeit, als der Tempel noch stand, war dieser das selbstverständliche, auch äußerlich weithin sichtbare Zentrum, das alles zusammenfaßte und beherrschte. Die Wallfahrtsfeste legen davon Zeugnis ab. Jeder noch so kleine Ort schickte seine Abordnung mit den Erstlingen als Opfergaben. Die Ochsen trugen auf ihren vergoldeten Hörnern Schalen mit den schönsten Früchten. Keiner durste während der Nacht ein Haus der Stadt betreten, damit er nicht seine Reinheit verlöre, dis am Morgen der Ruf ertönte: „Kommt, wir wollen hinauf ziehen zum Berge des Herrn, in das Haus Jehovas, unseres Gottes!" Dann erklangen die Stnfenlieder, und in schneeweißen Festgewändern stieg der Zug den Zionsberg hinauf. Als zum zweiten Male der Tempel fiel, war dieses Zentrum endgültig zerstört. Das Volk war ohne diesen sichtbaren Mittelpunkt verwaist und drohte auseinander zu fallen. Da schuf ein wirklich großer Führer, Rabbi Jochanan den 164 '