Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 6 (6.1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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IV. Richtig, warum also der Gerhard der artigste ist. Die anderen nämlich treiben nur Unfug. Entweder sie spielen im Korn Versteck, wobei natürlich das Korn niedergetreten wird. Im Weizen stehlt sich der Gerhard übrigens auch mit Vorliebe, während es doch eigentlich schon schlimm genug ist, wenn wir notgedrungen eine breite Spur hinter uns zurücklassen müssen. Die alte Jule allerdings, die auch mit im Felde ist, sagt es anders. Sie ist 70 Jahre alt, und ihre Eltern haben, als fie dem Großvater Stiller vor 46 Jahren das Haus verkauften, das Wohnrecht für ste als „Ausgedinge" ausgemacht. Sie soll, schon damals so krumm wie die Hexe im Knusperhäuschen (wahrhaftig, so. sieht sie aus) gewesen sein, so krumm,... daß sie sich beim Weizenjäten eigentlich gar nicht zu Lücken braucht, vom Knieeu / ganz zu schweigen. Und nun lastet sie wie ein Alb auf dem Hans, und das läßt . man sie fühlen- „Die alte Jule stirbt aber auch gar nicht," heißt es, „alle haben die Grippe, nur sie nicht." Und daher bleibt sie nicht gern zuhause, wenn der . Großvater allein da ist. Denn er ist mürrisch und zankt mit ihr. Sie macht sich dann doch lieber irgendwie nützlich, um das „Verbrechen", daß fie noch lebt, zu mildern. Und Unkrautjäten ist ja eine schone, leichte Arbeit, die ste auch noch machen kann, zumal da sie eben besonders dafür prädestiniert erscheint. Die alte Jule , also behauptet^ daß das Korn besonders gut wachse, wenn es niedergetreten würde, wahrscheinlich, weil ste es auch niederlatscht und die Wurzeln vom Ziegehein doch drinnen läßt. Nun, wir brauchen nicht über sie zu spotten, obgleich ste kein Engel ist, aber die Behauptung schien uns-anderen doch zu gewagt. Gleichviel, Gerhard fiehlt sich gern im Weizen. Und doch: er hilft wenigstens. Die anderen indessen balgen sich und laufen zum Graben, um dort zu waten, trotz Erkältungsgefahr und Protest Jules. Im Gegenteil, gerade deshalb. Oder sie haben ein Gras, das sich an einem Haar festdrehen läßt, fodaß man Ziepen und das Haar ausreißen kann Und damit necken sie die Jule oder auch mich, oder sie ziehen meine Latschen an, während ich borps (lies barfuß) im Korn hocke, oder sie stellen sie mir auf den Stücken. Und das Schlimmste: sie sind häßlich zu einander und zanken sich daher ununterbrochen. Der Gerhard aber holt die vollen Körbel, wenn man ihn ruft— natürlich auch nur, wenn e8 ihm paßt—, er wartetet meist sogar darauf, und * dann schleppt er sie, manchmal an jedem Arm eines, und schüttet die „Jäte" über ein „Hansel" am Wegesrand und bringt die Körbel zurück- Und wenn wir ein Stück ansgejätet haben und eS wird gegen Abend, Nachbars machen „derheeme zu", und aus den Schornsteinen steigt der erste Rauch, dann wird die Jäte, die das Vieh zum Abfutter bekommt. inS Grastnch eingebunden, das Bündel kommt auf den Rücken oder, wenn es viel ist, auf die Nober, und oben drauf wird der Gerhard zur Belohnung für Hilfe und gutes Verhalten gesetzt. Nach zehn Schritten ist ihm aber schon wieder angst und bange, und er läuft'doch lieber neben her. Gut Drogelwitz bei Gloga» Karl Steinschneider m