Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 5 (4.1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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der Dienenden systematisch zu heben. In der folgenden Zeit kümmert sich der jeweils regierende Herrscher kanm um die Schulverhältnisse, nur ihre eigenen Söhne und die der Edlen erhalten eine etwas erweiterte Bildung. Indessen setzt die Kirche mit Hilfe der Klöster das einmal begonnene Werk fort, sichert sich so eine große Zahl von Mönchsschülern, späteren Mönchen, und einen nicht geringen Einfluß auf das ganze Leben des Landes. In Spanien ftcljcu um jene Zeit die Wissenschaften und Künste in hoher Blüte, und das allgemeine geistige Niveau ist ein weitaus höheres als im Frankenreiche. Nichtsdestoweniger ist auch die leibliche Erziehung keineswegs vernachlässigt, wie wir in der Folge sehen, wenn wir über ihre Handhabung auch keine genaueren Angaben besitzen. — Bis ins späte Mittelalter bleibt die Erziehung in den einzelnen Ständen dieselbe, keiner kann aus seinem Stande heraus, es sei denn, er will Geistlicher werden. Dann kommt er aber auch scholl von jung ail in geistliche Hände, wird also voll vornherein für seinen bestimmten Beruf erzogen. Dies ist das Harlptulerkmal der Erziehung bis zu den ersten Anfängen der Nejormation (diese lediglich als Zeitbestimmung gedacht, illwieweit ihr Einfluß auf die Erziehung geht, will ich hier nicht untersuchen). Diese Zweckbestimmung besteht nicht mehr lange und verschwindet allmählich völlig. An ihre Stelle tritt das Bestreben, eine „allgemeine Bildung zu erzielen, unbekümmert um ben späteren praktischen Nutzen. Man soll in allen Gebieten der Wissenschaft wenigstens um die Grundlagen Bescheid wissen, angefangen mit alten oder neuen Sprachen, Mathematik, Botanik, Zoologie, Geographie und Geologie, ferner Physik, Ehemie, Astronomie, schließlich Technik, Philosophie, Wirtschaftslehre, Politik, d. h. Geschichte. Sodann „Kunstverständnisin Literatur, Musik, Malerei, Plastik — klassisch, alt, neu, modern und hypermodern. Das ist das „Geistige". Der „gute Ton in allen Lebenslagen" gehört natürlich dazu. (Ein so gebildeter Mann kann trotzdem ein Lump sein.) Jetzt aber kommt „die Moral", aufgepaßt! Moses, Christus, Hindenburg (allen Ernstes, das schrieb mir ein Lehrer in einen Aufsatz, wo ich die ersten beiden anführte), Spinoza, Kant, der selige Großvater, der gute Onkel, alle, alle müssen als Muster dienen, auf daß das gute Kind daran lerne, iwie zu denken und wie zu handeln. — Dann die „leibliche" Erziehung. Damit st cs ja in den letzten hundert Jahren besser geworden. Man turnt, schwimmt, spartet usw. Trotzdem: ein Junge muß sich bewegen — ein gutes K^nd muß stillsitzcn. Schlägt Dich wer auf die rechte Backe, halte ihm auch die linke hm — schlägt Dich wer auf die rechte Backe, gib ihm zwei auf die linke! und so fort. Man soll ein Allerweltsmensch sein und wird ein flacher Hohlkopf (hübsches Bild, nichts). Daß dabei Systematik ein Unding ist, will man nicht einsehen. Daß man sich wohl für alles interessiert, aber nichts auf die Dauer gründlich betreiben will, sich folglich schwer zu einem Beruf entscheiden kann, ist ein weiterer Fehler. Ich kenne hundert Beispiele für meine Behauptungen, ich selbst bin mir das beste. Ich habe z. B. stets für Physik und Chemie ein lebhaftes Interesse gehabt und habe es noch jetzt. Allein, um mich wirklich auch nur ein wenig auf dem laufenden zn halten, müßte ich weit mehr Zeit dazu aufbringen, als mir in meiner „beschäftigungslosen- Zeit zur Verfügung stand, geschweige denn jetzt zur Verfügung stehen wird. Um sich z. B. Mlt der Einsteinschen Relativitätstheorie bekannt zu machen, genügt es nicht, die zwei kleinen Bändchen zu lesen, in denen eine gute Abitunenten- 136