Mannheim
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Blau-Weiss-Blätter · 1919-04-01 · 5 (4.1919) · page 23

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
6 (1918-1919)
Issue
5 (4.1919)
Date
1919-04-01
Page
– (sequence 23)
Language
German
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Als der Gast am nächsten Morgen gegüngen war und auch der Rabbi sich ein Weilchen später zum Fortgehen anschickte, kroch der Unwille endlich aus der entlegenen HcrzenSfalte hervor und machte sich gewaltsam Luft. Schon in der Tür rief der Rabbi Rebekka noch zu: „Der nächste polnische Jude, der kommt — dm läßt du nicht mehren die Wohnung!" Riefs und klappte die Tür hörbar zm lieber Rebekkas Zuge, die in der Küche stehend seine ärgerlichen Worte gehört hatte, ging nur ein feines und vielsagendes Lächeln Dann machte sie sich weiter an das Füllen des Gänsehälschens. Kurz vor dem Mittagessen hörte Rebekka ihren Rabbi ins Haus treten und mit dem gewohnten Singsang auf den Lippen die Treppe heraufkommen. Sofort ließ sie die Eßbestecke, die sie gerade beim Tischdecken m der Hand hielt, mit einer kurzen, klirrenden Bewegung auf den Tisch fallen, so daß David, der mit einem Buche bereits am Tische saß, ob dieser nngcwohnten Hastigkeit seiner Mutter ganz erstaunt aufsah, ging raschen Schrittes zur Wohnnngstür und lehnte sich an diese mit der ganzen Kraft ihres starken .Körpers. Jetzt Marder Rabbi oben angekommen und klinkte an der Tür. Doch die Tür gab nicht nach. MarcnS klinkte iiod) einmal, doch wieder vergeblich. Der Rabbi fauu sich das nicht erklären uub klopft. Keine Antwort. Immer erstaunter' wiederholt er das Klopfen, doch wieder vergeblich. Schon in Augst, was geschehen fein könnte, ruft er: „Rebekka, Rebekka!" Da antwortet es von innen: „Hier bin ich." Mit jeder Sekunde wächst sein Erstaunen. Er kann sich das Ganze nicht im Geringsten erklären. DieWohmmgstür verschlossen, seine Frau dabei zu Hanse und scheinbar dicht hinter der Tür stehend. „So mach' doch auf, was ist denn los?" ruft er nun schon mehr ärgerlich als ängstlich, da er ja Rebekkas Stimme gehört hat. „Darf ich nicht", kommt eS von innen trocken zurück. „Was beißt: darf ich nicht? . Du wirst mich doch wohl in meine Wohnung lassen dürfen?" „Nein," antwortete Rebekkas Stimme, die sich nun das Lachen nicht mehr verhalten kaust. „Du hast gesagt: Der nächste polnische Jude, der kommt — den läßt du nicht mehr in die Wohnung!" Und damit Ihr die Geschichte auch glaubt, will ich Euch zum Schluß noch verraten, daß der Rabbi und die Rebbezin meine Urgroßeltern waren. Glogau Ferdinand Ost erlag Aussprache Erziehung / Ans einem Briefe . , . Ich schicke voraus, daß ich gerade u. a. Spencer: Erziehung lese, den ich auch Dir wie jedem dringend empfehlen kann. Was ich jetzt sage, deckt sich zn einem kleinen Teil mit seinen Ausführungen, ohne aber davon entlehnt zu sein. Es war mir teilweise nur eine Bestätigung meiner diesbezüglichen Gedankengänge: Während in ältesten ZUten der Mensch im Beschaffen von Nahrung, Kleidung und Behausung, sowie im Schutz gegen wilde Tiere seine ausschließliche Beschäftigung fand, sein Sinnen und Trachten lediglich auf Erhaltung seiner selbst, seiner Familie und Art gerichtet war, bedurfte es weiter keiner Erziehung, als z. B. die der jungen Tiere durch die alten. Selbst als der Mensch anfing in größerer Zahl zu siedeln, änderte sich daran nicht allzuviel, denn auch Tiere, die in Herden leben, werden 134

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