Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 5 (4.1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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stolz, in Marcus einen Thoragelehrten in die Familie zu bekommen, der auf den berühmtesten JeschiwahS Polens und LittanenS zu den Füßen der gottesfürchtigsten und weisesten Lehrer gesessen hatte. Rebekka war eine schöne, große und stolze Frau. Acht Kinder entsprossen der Ehe. Mit den Kindern kam viel Freude, aber auch viel Sorge. Rebekka hatte von morgens bis abends zu schaffen. Auf ihren Schultern ruhte die ausschließliche Sorge für Haushalt und Erziehung der Kinder. Der scharfsinnige Mann, der sich tu den schwierigsten Fragen des Talmuds auskannte und ein anerkannter Meister des Schachspiels war, wurde hilflos wie ein Kind, wenn Rebekka in den praktischen Fragen deS täglichen Lebens Hilfe von ihm beanspruchte. Mit der Zeit hatte die resolute Frau es sich ganz abgewöhnt, ihrem Manne noch mit Aütagsdingen zu kommen, im Gegenteil, sie bemühte sich, ihm alles fern zu halte», was ihn in seiner Gedankenarbeit stören konnte. So, mm wissen wir über Rabbi Marcus und seine Frau einigermaßen Bescheid und können die ganze Geschichte besser verstehen. Marcus und David saßen also am Schachbrett. „Schach dem König", sagte der Vater. Da klopfte es. Aergerlich über die unerwünschte Störung hob Rabbi Marcus den Kopf, schon öffnete sich die Tür und ein Mann in mittleren Jahren stand in der Schwelle. Er trug chm schäbigen Kaftan, ein langer dunkler Bart und Peyes umrahmten das vergrämte Gesicht uub Marcns, der sich in Kleidung und Haartracht deutschen Sitten angepaßt hatte, erkannte in dein anderen sofort den polnische» Juden. Für eineil Augenblick stieg in des Rabbi Herz eine Aergcrweüe auf. Die kurz aufdämmernde Erinnerung au erlittene Knechtschaft, äußere Niedrigkeit, Enge des Gesichtskreises, an eine Dürftigkeit, gegen welche sein, des Rabbi jetziges doch gewiß bescheidenes Leben, üppig zu nennen war, all das erregte in ihm einen Unwillen, den er auf deu Gast übertrug. Mochte noch hillzukommen, daß der Ankömmling ihn bei seinem geliebten Schach störte und daß seit einigen Monaten — wir befinden uns in einer Zeit gesteigerter Auswanderung — kaum eine Woche verging, in der nicht ein heimatloser Jude des Ostens durch das Städtchen kam und beim Rabbi Aufnahme verlangte und dieser infolgedessen, eingesponnen in seine Gedankenwelt, von Ereignissen und Vorgängen frören mußte, mit denen er nichts anznfangen wußte und-die ihn deshalb schreckten. Üm ganz bei der Wahrheit zu bleiben, kann leider auch nicht verschwiegen werden, daß seinen Gekühlt»» ein ganz klein wenig - ~ es war wirklich nur wenig, aber immerhin — also ein ganz klein wenig von jener Neberhebung beigemischt war, wie sie über den schnell vergeßlichen Menschen mm leider einmal leicht kommt, wenn es ihm beffer geht als seinem Bruder. Weshalb auch in der Thora ansdnrcklich mahnend geschrieben steht: „Denn Ihr seid selber Knechte gewesen im Lalldc Mizrajim." Da unser Rabbi ein frommer Mann war, überwand er deshalb auch seinen Unwillen oder unterdrückte ihn wenigstens gewaltsam, stand auf, ging auf den Ankömmling zu, begrüßte ihn uub lud ihn ein, Platz zu nehmen. Bald kam Rebekka und der Gast wurde bestens aufgenommen. Man speiste ihn, ließ sich von ihm erzählen, er bekam er» gutes Nachtlager und konnte sich über nichts beklagen, kurz: er wurde behandelt, wie das eben für einen Juden einem Gast, noch dazu einem anderen Juden gegenüber, selbstverständlich ist. Aber ein gewisser Unwille war trotz alledem nicht aus des Rabbi Herz geschwunden. Dort schlummerte er mit Gewalt unterdrückt in einer entlegenen Falte.