Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 5 (4.1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Opfern klebt, noch zu gewinnen, ruhig über Leichen und über Verwundete weg. ohne sich über das Vorhandensein der Einen anfznregen und ohne den Anderen Hilfe zu bringen. Sie haben in diesem Falle also weder einen Begriff von der Gefahr, die sie laufen, denn der Tod, den sie um sich sehen, erschüttert sie nicht im mindesten, noch das geringste Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Mitleids Was die Gefahr betrifft, so ist das erklärlich: die Biene feunt in der Tat keine Furcht, und nichts in der Welt kann sie schrecken, außer dem Rauche. Außerhalb ihres Bienenkorbes ist sie voller Langmütigkeit und Friedfertigkeit. Sie weicht dem Störenfried ans und ignoriert das Vorhandensein alles dessen, was sie nicht unmittelbar angeht Man möchte sagen, daß sie sich in einer Welt fühlt, die allen gehört, wo jeder Anspruch auf feilten Platz hat, wo man friedlich und nachsichtig sein muß. Aber unter dieser Nachsichtigkeit und Friedfertigkeit verbirgt sich ein so selbstgewisses Herz, daß sie gar nicht daran denkt, sich zu behaupten. Sie weicht aus, wenn jemand sie bedroht, aber sie flieht nie. Andererseits beschränkt sie sich im Bienenstock keineswegs auf dieses passive Ignorieren der Gefahr. Sie stürzt sich mit einer unerhörten Wucht auf jedes lebende Wesen. Ameise, Löwe oder Mensch, das ihre heilige Arche anzntasten wagt. . Nennen wir das je nach unserer geistigen Veranlagung Zorn, Verbissenheit, Stumpfsinn ober Heroismus. Aber über ihren Mangel an Solidaritätsgefühl außerhalb des Bienenstockes weiß ich nichts zn sagen. Man muß wohl annehmen, daß es sich auch hier um jene unverhofften Grenzen handelt, die jeder Art von Verstand gezogen sind, und daß die kleine Flamme, die durch den schwierigen Verbrennungsprozeß so vieler träger Stoffe nur mühsam dem Gehirn entstrahlt, jederzeit so ungewiß ist, daß sie einen Punkt nur auf Sfoftcit vieler anderer erleuchtet. Man kann sich sagen, daß die Biege — oder die Natur in der Biene — die aenictufame Arbeit, beu Kultus der Zukunft und die Fernstenliebe in einer nie wieder erreichten Vollkommenheit durchgesührt hat. Sie lieben über sich hinaus und wir lieben vornehmlich, was um uns ist. Vielleicht genügt es, hier zu lieben, um dort keine Liebe mehr übrig zu haben. Nichts ist veränderlicher als die Richtung der Barmherzigkeit oder des Mitleids. Wir selbst wären ehedem über diese Fühllosigkeit der Bienen weit weniger erstaunt gewesen, und manchen alten Schriftstellern wäre es garnicht ein- . gefallen, sie deswegen zu tadeln. Zndcm können wir nicht ahnen, wie sehr ein Wesen, daß uns so beobachten würde, wie wir es beobachten, über uns in Erstaunen geraten würde. Schließlich müßten wir, mn uns von ihrem Verstand eine genauere Vorstellung zu machen, festzustellen suchen, auf welche Weise sie sich mit einander verständigen. Denn daß sie sich verständigen, ist sonnenklar; ein Gemeinwesen von so großer Volkszahl, dessen Arbeiten so mannigfach sind und doch so wunderbar harmonieren, könnte bei der Unfähigkeit seiner Mitglieder, in Verbindung miteinander zu gelangen und aus ihrer geistigen Vereinsamung herauszutreten, nicht bestehen. Sie müssen also die Fähigkeit haben, ihre Gedanken und Gefühle anszndrücken, sei es durch eine Lautsprache, sei es, was wahrscheinlicher ist, mit Hilfe einer Tastsprache oder einer magnetischen Ueberttagnng, die sich vielleicht an Eigenschaften der Materie und an Sinne knüpft, die uns völlig unbekannt sind, und der Sitz dieser Sinne könnte sich in ihren geheimnisvollen Fühlern befinden, welche die Finsternis abtasten und -fühlen und nach den Berechnungen von Cheshire bei den 180